Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

228 Pivec, sie. Von dem breiten Strom der Buch- und Kursivschrift des Mittelalters löst sich in der Neuzeit für die kommende Entwicklung die Kursive allein ab. Der größere Individualismus der schreibkundigen Personen, die oft unglaublich weit­gehende Willkür der Buchstabenformen, Verbindungen und Verschleifungen, welche die Lesung so sehr erschweren, finden also ihre Ursache in der Vielzahl der Schreibenden und in der relativ größeren Ungebundenheit ihrer Lehrer 1). Das 16. und frühe 17. sind darum die Jahrhunderte der größten Willkür in der Kursivschrift. Je mehr die Schulbildung dann staatlich dirigiert wird, um so einheitlicher wird wieder die Schrift seit dem 18. Jahrhundert. Von dieser Erwägung aus ist der Einschnitt in der Schriftentwicklung eher ins ausgehende 17. und im 18. Jahrhundert als ins 16. zu legen. Wie auf so vielen Gebieten des kulturellen Lebens sind auch in der Schrift das 15., 16. und frühe 17. Jahrhundert enger miteinander verbunden als mit dem kommenden Säkulum. Die viel angefochtene geistreiche These von Troeltsch, der die Neuzeit mit der Aufklärung beginnen ließ 2), ist vom Standpunkt der neuzeitlichen Paläographie nicht ohne weiteres abzulehnen. Halten wir an dem allgemeinen Erkenntniswert der Paläographie des Mittel­alters und der Neuzeit fest, so müssen wir sagen, daß nicht bloß der persönliche Subjektivismus seit dem Ausgang des Mittelalters zunimmt, sondern auch die nationale Differenzierung. Zumindest seit dem 12. Jahrhundert kann ein geübtes Auge deutsche, englische, französische Handschriften unterscheiden, italienische haben infolge der Andersartigkeit des italienischen Kulturklimas ihre Eigenart schon im 11. Jahrhundert schärfer entwickelt. Verwechslungen sind aber doch leichter möglich im 12. und 13. Jahrhundert, zumal die französische und die deutsche Schrift — die englische geht immer stärker ihre eigenen Wege — vermöge ihrer gemeinsamen Herkunft aus der karolingischen Minuskel bis in das 16. Jahrhundert hinein noch Gemeinsamkeiten der Formgebung (z. B. das große R) aufweisen. Im späteren Mittel- alter und in der Neuzeit sind die Unterschiede scharf ausgebildet, abgesehen davon, daß natürlich die Nationalsprachen bei der Schriftbestimmung helfen. Die nationalstaatliche Entwicklung des späteren Mittelalters seit dem 12. und 13. Jahrhundert hat in der Schrift und in der allerdings nicht ganz scharfen Abgrenzung des Geltungsbereiches eines Schrift­typus Ausdruck gefunden. Im Hochmittelalter ist das noch anders. Eine Schriftprovinz ist bis ins 12. Jahrhundert noch nicht an staatliche Grenzen gebunden, die ja zu dieser Zeit etwas vage und fließend waren. Der vollendeten Aufspaltung in nationale Schriften trägt bereits eines der ältesten Schreibmeisterbücher 3), das des Pfälzers Palatino, der um 1550 Schreib­meister in Rom war, Rechnung. Wenn auch die spätmittelalterliche und neuzeitliche Schriftentwicklung mehr oder minder in Landesgrenzen eingeschlossen ist, fehlen aber doch natürlich nicht die Ausstrah­lungen und Begegnungen, deren kulturgeschichtliche Betrachtung gerade in Grenzgebieten reizvoll ist. In dem so eigenartigen burgundischen Staate hat z. B. die Schrift der nieder­ländischen Provinzen starke Impulse von der französisch orientierten Schrift der herzoglichen Kanzlei erhalten. Neben dem Trennenden der nationalen Formgebung fehlt in der europäischen Schrift des Mittelalters und der Neuzeit aber auch nicht das Verbindende. Von Zeit zu Zeit hat dieses Europa doch gemeinsame Kulturerlebnisse gehabt, die das Auseinanderstreben der Teile 1) Diese Schreibmeister verstanden auch zu Reklamezwecken ihre Schriften in handgeschriebenen oder mechanisch vervielfältigten Schreibbüchern mit entsprechenden Schriftmustern anzupreisen. Steffens2 Taf. 121 a, b bringt Proben aus den Schreibvorschriften der beiden Nürnberger Johann Neudörffer und Wolfgang Fugger aus den Jahren 1538 und 1553. Weitere Abbildungen bei Crous-Kirchner (56, 60) für das 16. und 17. Jahrhundert. *) E. Troeltsch: Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt, Historische Bibliothek Bd. 24 (1911) und a. a. o. Vgl. auch im gleichen Sinne H. Spangenberg: Die Perioden der Weltgeschichte, H. Z. 127, 1 ff. s) Die Schreibbücher sind eine der wichtigsten Quellen für die Paläographie der Neuzeit. Ihre Filiationen sind Wegweiser der Schriftentwicklung und des allgemeinen kulturellen Einflusses.

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