Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 12. Josef Wodka (St. Pölten): Die St. Pöltner Bestände des ehemaligen Wiener Neustädter Bistumsarchivs
192 Die St. Pöltner Bestände des ehemaligen Wiener Neustädter Bistumsarchivs. Von Josef Wodka (St. Pölten). Als Bischof Heinrich Johann von Kerens im Jahre 1785 den organisatorischen Aufbau des neuerrichteten Bistums St. Pölten in Angriff nahm, wurde auch das St. Pöltner Konsi- storialarchiv eingerichtet, das der Verwaltung der neuen Diözese dienen und die Akten der bischöflichen Ordinariatskanzlei aufnehmen sollte *). Dieses Archiv war eine Neuschöpfung. Es konnte nicht anknüpfen an die Tradition des Archivs des aufgehobenen St. Pöltner Chorherrenstiftes, die durch die Namen und Forschungen der bekannten und gelehrten Stiftshistoriographen Raimund Duellius (gest. 1769) und Albert von Maderna (gest. 1780) gekennzeichnet ist * 2). Denn während die Bibliothek des Stiftes im ehemaligen Kloster und nunmehrigen ,,Bistums“-Gebäude verblieb und sich dadurch unversehrt bis auf den heutigen Tag erhalten konnte 3), wurde das ungleich wichtigere Archiv des Stiftes mit den übrigen Besitzungen des Klosters in die staatliche Verwaltung des Religionsfondsgutes St. Pölten übergeführt und ging bis auf wenige Reste, die den Weg ins Wiener Staatsarchiv fanden, im Laufe des 19. Jahrhunderts zugrunde 4). Der Archivkörper des St. Pöltner Konsistorialarchivs wurde zunächst künstlich gebildet durch Übernahme umfangreicher Bestände des aufgelassenen passauischen Offizialatsarchivs in Wien, soweit sie auf Dekanate und Pfarren des neuen St. Pöltner Diözesangebietes Bezug *) Über die Anfänge der St. Pöltner Konsistorialkanzlei vgl. A. Kerschbaumer, Geschichte des Bistums St. Pölten II (Wien 1876), 168 ff. — Für die stets großzügig gewährte Erlaubnis zur Benutzung und wissenschaftlichen Verwertung der reichen Bestände des St. Pöltener Diözesenarchivs wie auch des Archivs des Domkapitels sei seiner Exzellenz Bischof Michael Memelauer, sowie den beiden hoch würdigsten Herren Prälaten, Dompropst Michael Distelberger, Generalvikar und Ordinariatskanzler, und Domdekan Dr. Stephan Matzinger wärmstens gedankt. 2) Vgl. J. Wodka, Personalgeschichtliche Studien über das ehemalige Chorherrenstift St. Pölten, Jahrbuch für Landeskunde 28 (1944), S. 201 Anm. 173 (Duellius), S. 202 Anm. 175 (Maderna). 3) Seit den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts (Errichtung eines Diözesanmuseums) ist die St. Pöltner Stiftsbibliothek geteilt. Die eine Hälfte, vermehrt um die Bücherbestände des Bischofs Frint (1827—1834), verblieb als Frintsche Bibliothek (oder Bibliotheca Episcopalis ad. S. Hippolytum II) in einem der beiden ursprünglichen Bibliotheksräume des Kloster- und jetzigen Domgebäudes, während die andere Hälfte samt den prächtigen barocken Bücherschränken in das bischöfliche Priesterseminar übersiedelte und dort mit der reichhaltigen, vor allem kanonistische und kirchenhistorische Werke umfassenden Bibliothek des Bischofs Feßler (1865—1872) den Grundstock für die St. Pöltner Alumnatsbibliothek (Bibliotheca Seminarii episcopalis ad S. Hippolytum) abgibt. Die erste Bresche in den Bücherbestand der St. Pöltner Stiftsbibliothek, von der uns noch ein von Madernas Hand stammender Katalog aus dem Jahre 1756 erhalten ist, wurde übrigens bereits unter Bischof Kerens (1785—1794) geschlagen. Denn während die eigentliche Bistumsbibliothek von Neustadt, deren Anfänge bereits ins 15. Jahrhundert zurückreichten, inNeustadt verblieb, als das Bistum übertragen wurde (A. Kerschbaumer,a. a. O.I 660 Anm. 3), nahm Bischof Kerens seine eigene, kostbare und geschmackvoll angelegte Privatbibliothek nach St. Pölten mit. Die Ordnung und Aufstellung dieser sogenannten Kerensschen Bibliothek (Bibliotheca Episcopalis ad S. Hippolytum I) besorgte kein Geringerer als der Freund Kerens’, der als Dichter und Literarhistoriker bekannte Exjesuit und spätere Direktor der Wiener Hofbibliothek Michael Denis, der ihr zur Ergänzung und Vervollständigung Bücher aus der alten St. Pöltner Klosterbibliothek einverleibte. 4) Zur Geschichte des St. Pöltner Klosterarchivs vgl. W. Latzke im Gesamt-Inventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs III/2 (Wien 1938), S. 491—501. Ein Verzeichnis der Reste des St. Pöltner Klosterarchivs im Wiener Staatsarchiv ebenda III S. 634—636. Der Faszikel Chorherrenstift St. Pölten im St. Pöltner Diözesanarchiv stammt aus dem Archiv des ehemaligen Passauer Offizialats in Wien.