Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 10. Tihamér Vanyó (Pannonhalma): Das Archiv der Konsistorialkongregation in Rom und die kirchlichen Zustände Ungarns in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Archiv der Konsistorialkongregation in Rom. 165 Joseph II. gab bereits am 22. Dezember 1780 den Befehl an die Ungarische Kanzlei aus, sämtliche auf ungarische Religionsangelegenheiten bezügliche Verordnungen seiner Vor­gänger seit dem 16. Jahrhundert zusammenzustellen. Das Ergebnis dieser Arbeit ist der als „Idealium“ betitelte 213 Seiten starke Band, der in der Kanzleiabteilung des Ungarischen Staatsarchivs aufbewahrt wird und als wertvolle Sammelquelle der ungarischen Kirchen­geschichte betrachtet werden muß *). Diese Tat Kaiser Josephs macht uns auf jenen Gesichts­punkt aufmerksam, daß eine wichtige Wurzel auch seiner sonst so sehr aus den Zeit Verhält­nissen und seiner Persönlichkeit entsprungenen kirchlichen Verordnungen in den Über- lieferungendesHabsburgischenHauseszu suchen ist. Trotz aller persönlichen Religiosität der HabsburgischenHerrscherkann dieJosephinische Kirchenpolitik auf eine große Vergangenheit zurückblicken. Die leisen Umrisse des Episkopalismus, der Laizisierung, des Rom-Gegnertums und der Nationalkirche lassen sich bereits mehr als ein Jahrhundert vor Joseph II. in der Praxis des bürokratisch-kirchenpolitischen Absolutismus entdecken. Nur die Aufklärung fehlt zur Vollständigkeit2). Aber Joseph II. mußte nicht so weit zurück­greifen, da die Keime beinahe aller seiner Neuerungen auch in der Regierung seiner Mutter, der Kaiserin Maria Theresia, vorhanden sind. Maria Theresia können wir noch nicht zu den Aufklärern rechnen. Ihr Glaube war noch tief, aufrichtig und frei von jedem Zweifel. Von diesem beseelt, hat sie sogar vom mächtigen Kaunitz die Vorweisung seines Beichtzettels gefordert. Im Papst verehrte sie fürwahr den Statthalter Christi auf Erden; die Ordensleute betrachtete sie als „Gottes­leute“, jammerte über das Los ihrer „teueren Jesuiten“ und trachtete, es nach ihren Kräften zu mildern3). Aber die wichtigsten Ämter waren bereits zu dieser Zeit mit solchen Beamten besetzt, die dem aufklärerischen Unglauben, der Freimaurerei, den jansenistischen, gallikanischen und febronianischen Grundsätzen huldigten 4). Die dem geschilderten Charakter der Königin gegensätzlichen Verordnungen wurden neben ihrem starken Herrscher­bewußtsein, den Familienüberlieferungen und den sich notwendigerweise ergebenden politischen Zuständen hauptsächlich durch die Atmosphäre, Suggestion, Ratschläge und Vollstreckungsmacht dieser Umgebung ins Leben gerufen. Der Wiener Nuntius beklagt sich bereits in den Jahren 1752 und 1754 folgendermaßen gegenüber dem Papst: „Trotz ihrer frommen Gesinnung denkt die Kaiserin in Flandern wie in Ungarn nur daran, wie sie die Rechte des Heiligen Stuhles vermindern und zwischen diesen Provinzen und Rom eine Scheidemauer aufführen könnte, um die Hoheit des Stellvertreters Christi und Nachfolgers des hl. Petrus nur mehr mit Worten an­zuerkennen“ 5). Diesen Gegensatz hat auch Maria Theresia selbst lebhaft empfunden, und nach mehr als zwei Jahrzehnten — als sie sich von der katholischen und barock-ständischen Richtung abwandte und allmählich ganz unter den Einfluß ihrer Ratgeber geriet — verlieh sie diesem Gefühl auch in einem Gespräch mit dem Nuntius Garampi Ausdruck. Der Nuntius legte ihr dar, daß der Papst auf sie mehr vertraue als auf andere. Maria Theresia erwiderte darauf, sie wünsche nichts anderes so sehr, als diesem Vertrauen zu entsprechen. Ihr Alter und ihre Krankheiten hätten sie aber aller Kräfte x) Mitrofanov, Paul von: Joseph II. 2. Teil. Wien und Leipzig, 1910. 6731. 2) Die Kirchenpolitik von Kaiser Leopold haben wir auf Grund der zeitgenössischen Nuntiaturberichte und der einschlägigen Literatur in unserem Quellenwerk eingehender beleuchtet. Vgl. Vanyó Tihamér: A bécsi nunciusok jelentései Magyarországról 1666—1683 (Wiener Nuntiatur­berichte über Ungarn). Pannonhalma, 1935. 22—26. Das Werk teilt die Ergebnisse (Texte und Bearbeitung) unserer Forschungen im Vatikanischen Archiv mit. Am Ende enthält es eine lateinische Zusammen­fassung. 3) Winter, Eduard: Josef IL Wien, 1946, 29. — Mitrofanov, a. a. O. II. 667. *) Perémy Imre: Tíz év a magyar egyház történetéből (Zehn Jahre aus der Geschichte der unga­rischen Kirche). (1780—1790.) Budapest 1904. 18—19. 5) Guglia, Eugen: Maria Theresia. II. Bd. München und Berlin, 1917. 69.

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