Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 10. Tihamér Vanyó (Pannonhalma): Das Archiv der Konsistorialkongregation in Rom und die kirchlichen Zustände Ungarns in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

166 Vcmyó, beraubt, so daß sie sich manchmal zu Handlungen hinreißen ließe, die sie nicht beabsichtige; sie besitze nicht genügenden Mut zum Widerstand und fürchte sich vor größeren Übeln. Am Ende der Audienz gab sie ihrer Bereitwilligkeit zur Unterstützung der Religion und Kirche wiederholt Ausdruck, dann sprach sie folgendes: „Ho bisogno e di salute edi robustezza di spirito“ (Ich benötige Gesundheit und Seelenstärke) *). Die Analyse der Persönlichkeit von Joseph II. und die Erforschung der Motive und Quellen seiner kirchlichen Verordnungen ist eine verwickelte Auf­gabe. Er war nämlich — trotz all seiner Unüberzeugbarkeit und Hartnäckigkeit — kein von Ideen besessener, theoretischer und dogmatischer Mensch. Vielmehr zeigte er sich in hohem Maße als praktisch und auf ideellem Gebiet als wählerisch. Seine Prinzipien hat er auf Grund von Studien und noch mehr nach der Wirklichkeit immer selbst ausgestaltet. Die letzten Gründe seiner Taten sind daher nicht in den verschiedenen Einwirkungen und Geistesströmungen, sondern vielmehr in seinen durch die Erziehung gestärkten persönlichen Neigungen zu suchen. Von den letzteren sind besonders das übertriebene Selbstbewußtsein, die Hilfsbereitschaft, der Dienst des Gemeinwohls und das hohe Verant­wortungsbewußtsein für das zeitliche und ewige Wohl seiner Untertanen hervorzuheben. Zum letztgenannten Zweck wollte er alle wichtigen Ideen und Gebräuche, die im damaligen Europa nur aufzufinden waren, verwerten. Dieser Umstand erklärt auch die Vielseitigkeit seiner geistigen Quellen 2). Um seine kirchlichen Verfügungen richtig beurteilen zu können, müssen wir zunächst feststellen, daß er in Glauben und Moral kein Schüler der Enzyklopädisten und Freidenker war. Wenn er seine Treue zur Kirche auch nicht immer bewahren konnte, war er doch ein gläubiger, seine Religion ausübender Katholik. Im Bericht des französischen Gesandten Breteuil vom 21. März 1782 lesen wir folgendes: ,,Au milieu de toutes les sup­pressions des couvens, l’Empereur fait dire aux couvens de religieuses quil conserve de prier Dieu pour ses yeux, qui continuent ä étre en mauvais état, et S. M. fait faire deux yeux d’or qu’Elle a envoyés, dit-on, ä Maria Zell, au lieu de pélerinage“ 3). In einem am 26. April 1782 herausgegebenen Rundschreiben heißt es, „daß die Aufrechterhaltung der alleinselig­machenden katholischen Religion, deren Aufnahme und Verbreitung unveränderlich Seiner Majestät teuerste Pflicht und angelegenste Sorgfalt bleibt4).“ Die aufrichtige Religiosität und die gutgesinnten kirchlichen Verordnungen von Joseph II. wurden aber durch zwei Faktoren stark beeinflußt und entstellt: durch den Jansenismus und die schrankenlose Herrschsucht. Wien wurde vom Janse­nismus hauptsächlich seitens Belgiens getroffen, das damals unter österreichischer Herrschaft stand (österreichische Niederlande). Zur Zeit der Verfolgung der französischen Jansenisten fanden die Flüchtlinge in Belgien und in den Niederlanden Aufnahme. Die französische Kultur von Wien ist teilweise belgisch-niederländischen Ursprungs. Aus diesen Ländern kamen viele Buchdrucker und Schauspieler nach Wien. Jansenistenfreundliche Männer lassen sich am Wiener Hof bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisen, so z. B. Garelli, der Arzt Karls VI., und Gentilotti, der Hofbibliothekar. In der Bibliothek des Herzogs Eugen von Savoyen finden wir die Werke von Arnauld, Nicole, Quesnel und Pascal. Graf Mercy, mit dem Maria Theresia in Buchtausch stand, wählte seine Lektüren aus dem Bereich der jansenistischen Geistesart. Joseph wurde also bereits in einer stark jansenistischen Umwelt erzogen. Van Swieten kam aus q Bericht vom 1. Juli 1776. Tóth, Ladislaus: Zwei Berichte des Wiener Nuntius Garampi über die kirchlichen Verhältnisse um 1776. Budapest, 1926. 8, 10. (Sonderabdruck aus dem Jahrgang 1926 der Römischen Quartalschrift.) 2) Winter, a. a. O. 34, 32, 7—10. — Winter, Eduard: Der Josefinismus und seine Geschichte. Brünn, 1943. Dieses Werk konnten wir zur Einsicht leider nicht erhalten. 3) Mitrofanov II. 673—74. 4) Ebenda I. Teil, S. VII. Aus dem Geleitwort von Hanns Schütter.

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