Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
österreichisches Staatsarchiv und seine führenden Beamten. 137 dem Österreichischen Staatsarchiv gemeinsam zur Verfügung steht. Kratochvil war einer der wenigen Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in dem geschilderten Zeitabschnitt, die slawische Sprachen beherrschten. So war er zur Bearbeitung mancher Bestände befähigt, die anderen verschlossen blieben. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie trat er in den Dienst der Tschechoslowakischen Republik und war als deren Liquidierungskommissär bis zu seinem im April 1919 erfolgten Tod tätig. Als zwischen der älteren und jüngeren Generation der Beamten stehend, glaube ich Emanuel Schwab und Josef Hardegg nennen zu sollen. Emanuel Schwab, 1874 geboren, entschloß sich nach Vollendung der juridischen Studien zum Archivarberuf und trat, nachdem er das Institut für österreichische Geschichtsforschung besucht und dessen Staatsprüfung abgelegt hatte, 1901 in den Dienst des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Er war einer der fleißigsten und ideenreichsten Beamten dieser Anstalt, der sich nicht nur mit Ordnungsarbeiten, besonders in den Reichsarchiven, begnügte, sondern sich auch viel mit archivwissenschaftlichen Fragen, vor allem wohl als einer der ersten in Österreich mit Aktenkunde beschäftigte. Leider hat er seine reichen Kenntnisse auf diesem Gebiete nicht der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Nachdem er im ersten Weltkrieg als Reserveoffizier trotz seines Alters Frontdienst geleistet hatte und schwer verwundet worden war, übernahm er nach 1918 die Leitung der vom Haus-, Hof- und Staatsarchiv übernommenen Registraturen der Hofbehörden, die in der Hofburg untergebracht blieben. Als sie 1922 aus Ersparungsgründen in das Archiv gebracht werden mußten, ist Schwab verärgert mit dem Titel eines Ministerialrates freiwillig in den Ruhestand getreten und zog sich in seine Heimat Iglau zurück und war für die Erforschung ihrer Geschichte äußerst tätig. Einer im Jahre 1942 an ihn ergangenen Aufforderung, vertretungsweise die Leitung des damaligen Reichsarchivs Troppau zu übernehmen, konnte er wegen seiner Schwerhörigkeit nicht Folge leisten. Er ist kurz vor der Ausweisung aus seiner Heimat im Herbst 1945 gestorben. Josef Hardegg, entstammte dem bekannten österreichischen Geschlechte, das seinen Ur- sprung weiter als die Habsburger zurückverfolgen kann, trat nach Vollendung der Rechtsstudien in den Dienst der Statistischen Zentralkommission, den er 1907, seiner Vorliebe für genealogische Studien folgend, mit dem im Haus-, Hof- und Staatsarchiv vertauschte. Hardegg hat sich zwar wissenschaftlich nicht betätigt, mit großem Fleiß aber Ordnungsarbeiten geleistet und war lange Zeit im Benützerdienst tätig, wobei er sich durch sein entgegenkommendes Wesen die Achtung der Benützer und die Liebe seiner Kollegen erwarb. Zusammen mit Györy hat er den Dienst im Hausarchiv versehen und unterstützte Siegenfeld bei dessen genealogischen, heraldischen und sphragistischen Arbeiten. Hardegg ist im Mai 1920 freiwillig in den Ruhestand getreten, hat sich jedoch im Jahre 1942 dem Archiv wieder zur Verfügung gestellt und bis zu seinem im März 1945 im Alter von 69 Jahren erfolgten Tod wertvolle Dienste geleistet. Von den jüngeren, nicht mehr unter den Lebenden weilenden Beamten sind noch Otto H. Stowasser und Oskar Schmid zu nennen. Otto H. Stowasser, mit dem ich alle Hochschulprüfungen gemeinsam abgelegt habe, gehörte nur 1914 bis 1923, in welchem Jahre er zum Direktor des Archivs der Stadt Wien ernannt wurde, dem Beamtenkörper des Haus-, Hof- und Staatsarchivs an. Seinem wissenschaftlichen Arbeitsgebiet entsprechend, war er hauptsächlich in der Urkundenabteilung tätig, hat hier wertvolle Ordnungsarbeiten geleistet und eingehende Studien über die Provenienzen derselben angestellt, von denen an erster Stelle seine Arbeiten über ,,Das Archiv der Herzoge von Österreich“ und die „Kanzleivermerke auf den Urkunden der österreichischen Landesfürsten von ihrem Aufkommen bis zum Jahre 1437“ hervorzuheben sind. Die aus diesen Studien gewonnenen Kenntnisse erwiesen sich bei den Liquidierungsverhandlungen mit der Tschechoslowakischen Republik und mit Italien von großem Wert, und daß die mittelalterlichen Bestände des Haus-, Hof- und Staatsarchivs fast unversehrt erhalten blieben, ist