Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
österreichisches Staatsarchiv und seine führenden Beamten. 129 verbunden, daß er eine Berufung an die Budapester Universität ablehnte. Aus dem Institut für österreichische Geschichtsforschung hervorgegangen, verband ihn zeitlebens innigste Freundschaft mit seinen gleichaltrigen Studiengenossen Engelbert Mühlbacher, Emil Ottenthal, Oswald Redlich, Karl Uhlirz und Franz Wickhoff, um nur einige zu nennen. Während der Zeit, als er als erster Vizedirektor seit 1893 und dann als Direktor bis 1913 im Haus-, Hof- und Staatsarchiv führend tätig war, erwies er sich als steter Förderer der ehemaligen Mitglieder des Institutes, die er in gleicher Weise, ob es sich um jugendliche Anfänger oder um anerkannte Wissenschaftler handelte, in jeder Weise unterstützte. Aber auch allen anderen Benützern des Archivs war er ein über die amtliche Pflicht weithinausgehender Berater, ja selbst Helfer, in dieser Richtung dem Beispiel Gustav Winters folgend und so ein Mitbegründer des hohen Ansehens des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in der ganzen wissenschaftlichen Welt. Aber auch hinsichtlich der inneren Erschließung des Archivs und dessen Ordnung nach dem auf genetischer Geschichtsbetrachtung beruhenden Herkunfts(Provenienz-)grund- satz erwarb sich Károlyi größte Verdienste. Unter seiner Leitung gelang es den damals jüngeren Beamten, in erster Linie Ludwig Bittner und Emanuel Schwab, die bereits im Gange befindliche Aufteilung organisch erwachsener Archivkörper, wie der Administrativen Registratur und des Politischen Archivs des Ministeriums des Äußern, des Kabinettsarchivs und anderer nach dem Betreffsgrundsatz zu verhindern und deren Übernahme als geschlossene Körper, wie sie erwachsen waren, durchzusetzen. Zu der bereits damals beabsichtigten Veröffentlichung eines Archivinventars ist es jedoch noch nicht gekommen, da man erkannte, daß vorher die hiefür unbedingt notwendige Erforschung und Feststellung der einzelnen Archivkörper durchgeführt werden müsse. Es ist das Verdienst Károlyis, daß er über Anregung L. Bittners als Vorarbeit hiezu die Herstellung des „Generalkatalogs“ anordnete, durch den selbst der jüngste Beamte imstande ist, in dem über 200 Archivkörper bergenden Haus-, Hof- und Staatsarchiv sich nach wenigen Tagen halbwegs zurechtzufinden, so daß man seither von dem Referentensystem abgehen konnte, welches darin bestand, daß bestimmte Archivgruppen einzelnen Beamten zugeteilt waren, die eifersüchtig darauf achteten, daß ja keiner ihrer Kollegen in ihr Gebiet eindrang. Selbstverständlich ist es, daß es auch nach Fertigstellung des Generalkatalogs Spezialisten für einzelne Bestände gibt, die sie wissenschaftlich erforschen. Ohne den Generalkatalog, der während des ersten Weltkrieges vollendet worden ist, wäre es 1945, als der größte Teil, und 1947, als alle früheren Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs aus dessen Dienst schieden, nicht möglich gewesen, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Als Károlyi 1913 aus dem aktiven Dienst schied, war es ihm eine Selbstverständlichkeit, in seiner Wahlheimat Wien zu bleiben. Durch die staatsrechtlichen Veränderungen des Jahres 1918 wurde er ungarischer Liquidierungskommissär bei den Wiener Archiven. Nach Beendigung dieser Tätigkeit verlegte er nur ungern, den Vorschriften über den Pensionsbezug der ungarischen Beamten folgend, seinen Wohnsitz nach Budapest. Er ließ es sich jedoch nicht verwehren, einigemal im Jahre nach Wien zu kommen, um in seinem geliebten Archiv zu arbeiten und Verkehr mit seinen ehemaligen Untergebenen und auch jüngeren Kollegen zu pflegen, deren Schicksal er in rührender Weise verfolgte. Aber auch für diese war es immer wieder eine große Freude, den trotz seiner Jahre rüstigen und immer noch wissenschaftlich arbeitenden Mann, der seine Taubheit mit Geduld ertrug, zu sehen und mit großem Schmerz hat sie die Nachricht von Károlyis Tod, der am 26. Oktober 1940 im Alter von 87 Jahren gestorben ist, erfüllt. Hans Schiitter1), Károlyis Nachfolger in der Direktion des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, am 8. März 1859 in dem damals noch österreichischen Vicenza als Sohn eines höheren Polizeibeamten geboren, war der Typus des alten österreichischen Beamten, der es verstand, M Nachruf im Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien, Jahrgang 1945, von L. Santifalle r. 9