Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
130 Seidl, den Geist der Kollegialität während seiner Direktionszeit 1913 bis 1918 so auszubilden, daß es dann, besonders unter L. Bittners Leitung, möglich war, in gemeinsamer Arbeit der gesamten Beamtenschaft Werke zu schaffen, die den Ruhm des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs für immer begründeten. Schiitters weitgehender Plan, für den er die Förderung des ihm wohlgeneigten Thronfolgers und vieler Mitglieder der Hocharistokratie, mit denen er in engster Beziehung stand, sich erhoffte, durch eine im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu schaffende ,,Literatur-Sektion“ in Quellenpublikationen die Geschichte der Gesamtmonarchie auf feste Grundlagen zu stellen, konnte allerdings nicht durchgeführt werden. Der Gedanke der Gemeinschaftsarbeit hatte jedoch, besonders unter den jüngeren Beamten, Wurzel gefaßt. Als erste derartige Arbeit ist die Veröffentlichung der Reichsregisterbücher Karls V. zu nennen, deren erste Lieferung im Jahre 1913 anläßlich des in Wien stattgefundenen Deutschen Historikertages erschienen ist, die aber erst im Jahre 1931 von L. Groß mit Unterstützung Paul Kehrs und des Kaiser-Wilhelm-Institutes für deutsche Geschichte vollendet wurde. Daneben gingen unter L. Bittners Leitung die Arbeiten am Generalkatalog, an denen sich besonders R. Gooß, L. Groß, K. Hönel, J. Luntz, J. K. Mayr, E. Schwab und J. Szekfü beteiligten, weiter. Gleichzeitig wurde, gewissermaßen als Vorbereitung für die Friedensverhandlungen, die man sich 1914 anders vorstellte, Ende dieses Jahres von Bittner, Schwab, Hönel und Groß das „Corpus pacificationum“ vollendet, eine systematische Zusammenstellung der Friedensverträge aller Staaten der Erde von 1792 bis 1913, das erst 1917 mit Unterstützung der deutschen Reichsregierung veröffentlicht worden ist. Schiitters weiterer Plan, durch Aktenveröffentlichungen die Ursache des ersten Weltkrieges klarzustellen, mußte 1917 aus Gründen der höheren Politik aufgegeben werden, wie auch dem Versuch L. Bittners, während des zweiten Weltkrieges Schiitters Plan zu verwirklichen, kein Erfolg beschieden war. Trotzdem ließ Schiitter nicht locker, durch Vorträge und Zeitungsaufsätze Verständnis für die Probleme des Habsburgerreiches zu erwecken. Daß der Zusammenbruch des Jahres 1918 einen Mann wie ihn schwer treffen mußte, ist selbstverständlich. Es zeugt für seine Beamtentreue dem Staate gegenüber, daß er, obwohl von dem Archivbevollmächtigten der Republik „Deutschösterreich“ Ludo Moritz Hartmann im November 1918 vom Dienste im Archiv enthoben, doch im Stande des liquidierenden österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äußern verblieb und erst im Oktober 1919 in den Ruhestand trat. Es zeugt aber auch für die Abgeklärtheit dieses Mannes, daß er sich nicht verbittert zurückzog, sondern bis ins hohe Alter im Archiv wissenschaftlich arbeitete und die freundschaftlichen Beziehungen zu seinen ehemaligen Untergebenen aufrechterhielt, sie in jeder Weise unterstützte und ihre Laufbahn mit Interesse verfolgte, wie es aber auch für das Verständnis des damaligen Staatsamtes des Äußern zeugte, daß es ihm selbst unmittelbar nach seiner Amtsenthebung den freien Zutritt zum Archiv gestattete. Ein langer Lebensabend, gesegnet von körperlicher und geistiger Rüstigkeit, war Schiitter, dessen Sprachengewandtheit besonders im Verkehr mit ausländischen Benützern dem Archiv von großem Nutzen war, beschieden. Ich erinnere mich, wie es mir, dem um 32 Jahre Jüngeren, Mühe machte, mit dem Achtzigjährigen auf der Stiege des Archivs gleichen Schritt zu halten. Hart traf ihn der am 31. Mai 1944 erfolgte Tod eines seiner liebsten Beamten, Lothar Groß’. Wenige Tage nach dessen Hinscheiden war er das letztemal im Archiv und begann zu kränkeln. Kaum ein Jahr später, nachdem er noch sein Heim durch eine Fliegerbombe verloren hatte, hat er am 9. Mai 1945 uns für immer verlassen. Um die Reihe der Direktoren des Haus-, Hof- und Staatsarchivs vollständig anzuführen, muß ich hier den noch lebenden Oskar Mitis nennen, der, 1874 geboren, nach Schiitters Rücktritt, obwohl der rangälteste österreichische Beamte des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, erst im Juni 1919 die Leitung dieser Anstalt übernommen hat, da er bis dorthin mit Arbeiten