Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
128 Seidl, diese Anstalt betrat, ist er in den Ruhestand getreten. Trotzdem glaube ich, seiner an dieser Stelle gedenken zu sollen. Ist doch über Winters Anregung und unter seiner Leitung der Neubau des Archivs begonnen und vollendet worden, der selbst heute noch als vorbildlich angesehen und in Österreich nur von dem allerdings bedeutend kleineren, erst 1931 vollendeten Bau des Vorarlberger Landesarchivs in Bregenz übertroffen wird. Für seine Verdienste um den Neubau und die klaglose Übersiedlung des Archivs wurde Winter mit dem Kleinkreuz des Stefansordens ausgezeichnet, wohl der höchsten Auszeichnung, die ein österreichischer Archivbeamter je erhalten hat. Neben seinem unermüdlichen Fleiß, den die zahlreichen von ihm angelegten Archivbehelfe und die Aufstellung der Archivbibliothek bezeugen, erwies er sich als hilfsbereiter Helfer der Forscher und wurde so der Begründer des hohen Ansehens, dessen sich die österreichischen Archive in der ganzen Welt erfreuen. Ein Vorwurf kann Gustav Winter nicht erspart bleiben. Unter seiner Direktion wurde dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv von den Nachkommen des Staatskanzlers Fürsten Metternich dessen gesamter schriftlicher Nachlaß, unter dem sich auch zahlreiche Amtsakten befanden, angeboten, welches Anbot Winter nicht angenommen hat. Da in der folgenden Zeit die Familie Metternich nur in den seltensten Fällen Einsicht in ihr in Plaß in Böhmen befindliches Archiv gestattete, war den meisten Forschern der Nachlaß dieses Staatsmannes nicht zugänglich. Erst in jüngster Zeit, nachdem Schloß Plaß enteignet und das Archiv dortselbst der Aufsicht des Archivs des Tschechoslowakischen Landwirtschaftsministeriums unterstellt worden ist, ist Metternichs Nachlaß der wissenschaftlichen Forschung zugänglich und durch das Entgegenkommen der Tschechoslowakischen Archivverwaltung sind bereits Teile dieses Nachlasses nach Wien an das Haus-, Hof- und Staatsarchiv für wissenschaftliche Zwecke entlehnt worden. Auch noch im Ruhestand bewahrten Gustav Winter, der am 30. Mai 1922 gestorben ist, und seine Gattin Leopoldine, die ihn üm fast 25 Jahre überlebte, dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv ihre Anhänglichkeit. Leopoldine Winter, hat dem Willen ihres Gatten folgend, in ihrem Testamente ein angeblich von Meytens stammendes Bildnis Maria Theresias x), das Kaiser Franz Joseph Winters Vorgänger im Archiv, Alfred Ritter von Arneth, anläßlich der Vollendung des Werkes über Maria Theresia gewidmet hat und dieser letztwillig Winter hinterließ, und das etwa 20 Bände umfassende Tagebuch Winters dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv hinterlassen. Dem Verfasser ist es gelungen, das beschädigte Bild und die Tagebücher aus dem Schutt der durch Bomben in den letzten Wochen des Krieges zerstörten Wohnung Leopoldine Winters zu bergen und das Bild ins Archiv zu bringen, während die Tagebücher während der Einnahme Wiens vernichtet worden sind, ein schwerer Verlust für die Geschichte des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Gustav Winter war auch der erste, der die Wichtigkeit der im Institut für österreichische Geschichtsforschung vermittelten Ausbildung für den Archivdienst erkannte und bei Neuanstellung von Beamten, obwohl selbst nicht aus diesem Institut hervorgegangen, vorwiegend Institutler berücksichtigte. Árpád von Károlyi2), den ich im Jahre 1910, als ich als Benützer ins Haus-, Hof- und Staatsarchiv kam, kennenlernte, fühlte sich so mit dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv kann ich es mir ersparen, die Lebensdaten und das Wirken der führenden Beamten ausführlich darzustellen, da dies im I. Band des mehrfach erwähnten Gesamtinventars, S. 1 ff., geschehen ist. Meine Ausführungen beruhen vielmehr auf dem Eindruck, den ich dtirch persönlichen Verkehr oder aus Erzählungen älterer Kollegen empfangen habe, und sollen eine Ergänzung zu den gewissermaßen amtlichen Biographien im Gesamtinventar büden. x) Nach Ansicht berufener Kunsthistoriker soll allerdings dieses Bildnis nicht von Meytens stammen. 2) Seit der im I. Band des Gesamtinventars enthaltenen kurzen Biographie und der dortselbst erwähnten Würdigung der Person Károlyis durch Ludwig Bittners „Árpád von Károlyi als Archivar“ sind noch der Aufsatz Julius Szekfüs in der von Károlyis ungarischen Fachgenossen zum 80. Geburtstag (7. Oktober 1933) veranstalteten Festschrift und L. Bittners Nachruf im Jahrgang 1941 des Almanachs der Akademie der Wissenschaften in Wien anzuführen.