Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

110 Pillich, Der Exjesuit und Historiograph seines Ordens, P. Matthias Rieberer 1), wurde von Kaunitz in seinem Vorträge vom 9. Mai 1780 2) der Kaiserin vorgeschlagen, die von Mayer herausgegebene Ausgabe der „Actorum Pacis Westphalicae“ nach den „Urschriften“ genau zu „collationieren“ und die darin „theils aus Unachtsamkeit, theils aber auch vielfältig zum Nachtheil des katholischen Wesens“ vorkommenden „Unrichtigkeiten und falschen Sätze zu berichtigen“. Dazu wäre der in der Geschichte und Diplomatik „sehr erfahrene und fleißige“ P. Rieberer geeignet, der auch aus anderen Archiven viele „Hülfsmittel“ zur Hand hätte und dem diese „sehr nützliche Arbeit“ unter der Aufsicht des Freiherrn von Borié bei der österreichischen Gesandtschaft zu Regensburg an vertraut werden könnte, wo sich die vollständigen Abschriften der Westfälischen Friedensakten befänden. Der Staats­kanzler regt an, für diese Arbeit, die nicht über zwei Jahre dauern dürfte, dem Rieberer zu seiner kleinen Jesuitenpension jährlich eine Beihilfe von 300 Gulden zu bewilligen und erreichte auch das Placet der Kaiserin. Die Fertigstellung der Arbeit Rieberers verzögerte sich jedoch immer wieder, einmal wegen ihres Umfanges — er plante acht bis neun große Bände herauszugeben —, dann wegen der Schwierigkeiten mit den Hilfskräften und Schreibern und endlich wegen seines hohen Alters und seiner häufigen Erkrankungen. Rieberer mußte sich dazu zweimal, 1783 und 1784 3), der Unterstützung des Hausarchivs bedienen. Kaunitz verstand es trotzdem immer wieder, auch bei Kaiser Joseph II., von der enormen Wichtigkeit und Nützlichkeit der „getreuen und unverfälschten Ausgabe“ der „zur Erklärung der Reichs- Grund-Gesetze so nöthigen Westphälischen Friedensakten“ zu überzeugen und die Ver­längerung der Unterstützung Rieberers zu erreichen 4). Erst 1787 war der erste und 1790 der zweite Band fertiggestellt5). Über die heute noch im Staatsarchiv erhaltenen vier Bände der „Acta inedita“ und ein Band der „Acta Anecdota pacis Westphalicae“ hinaus, scheint die Arbeit Rieberers, der am 1. Mai 1794 zu Regensburg verstarb, nicht gediehen zu sein6). Justus Christian König, Advokat und Lizentiat zu Nürnberg, machte der Staatskanzlei in seinem Ansuchen vom 28. Mai 1781 Mitteilung, daß er eine „Geschichte der Philippine Welser“ schreibe, dazu „Hilfsmittel“ gesammelt habe und überzeugt sei, daß zu einer gründ­lichen Biographie verschiedene Urkunden unentbehrlich seien, um deren Mitteilung er bitte. Das Archiv erklärte der Staatskanzlei, der gewünschte Verzichtrevers Erzherzog Ferdinands und seiner Gemahlin samt der kaiserlichen Erklärung zu diesem Revers von 1561 sei „zwar Anfangs als ein Staatsgeheimniß behandelt worden“, da er jedoch ohnehin in allen Geschichten vorkäme, könne er vielleicht doch abschriftlich König mitgeteilt werden, was von der Staats­kanzlei auch „unbedenklich“ bewilligt wurde 7). Der Piarist Adrian Rauch 8) wendet sich in einem Schreiben 1781 9) an Staatskanzler Kaunitz mit der Bitte um Erlaubnis, im Hausarchiv arbeiten zu dürfen. Nach dem Tode des Hofrates Schrötter 10) mit der Fortsetzung seiner Österreichischen Geschichte betraut, hatte Rauch den 2. Band größtenteils vollendet und beträchtliche Teile des 3. Bandes bereits zum Druck befördert. Rauch, der das Bestreben hatte, eine „so wichtige Unternehmung nach Würde des Gegenstandes auszuführen“, äußert den Wunsch, aus den „ächten Quellen“ *) *) Wurzbach, 1. c., 26. Bd., S. 78. 2) St. K. V., Fasz. 199. 3) K. A. 1783/13 und 1784/11. 4) Kaunitz an Kaiser Joseph II., 27. August 1783, ebenso vom 17. Juni 1786 und 4. November 1788, St. K. V., Fasz. 208, 214 und 218; Brief Kaunitz an Rieberer vom 1. September 1783 und Briefwechsel Rieberer—Staatskanzlei 1787—1790 in St. K. W., Fasz. 2. 5) Kaunitz an Kaiser Joseph II. 30. September 1787 und 1. Dezember 1790, St. K. V., Fasz. 216 und 221. ®) Bittner, 1. c., I. Bd., S. 351 f. 7) K. A. 1781/5. 8) Wurzbach, 1. c., 25. Bd., S. 32. 9) Ohne Datum, K. A. 1781/6. 10) Gestorben am 3. Juli 1780, Vortrag vom 4. Juli 1780, St. K. V., Fasz. 199.

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