Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....
102 PiHich, Weil aber „dieses Werk doch allemal für die österreichische Geschichte nützlich ist“ und der Herausgeber einige Kosten damit hatte, wäre ein Geschenk und die kostenlose Erteilung des „privilegium impressum“ angebracht4). Etwas rigoroser war das Billett des Staatskanzlers vom 3. Dezember 1766 an Rosenthal über das Gesuch des Jesuiten Georg Pray2), ob diesem „unbedenklich“ der Zugang zum Haus- und Hofarchive gestattet werden könnte 3). Pray hatte in seiner Bittschrift um die Benützung verschiedener Urkunden und Dokumente, welche sich „nach Aussage erfahrener Männer“ sowohl im Hausarchiv als in der Ungarischen Hofkammer zu Preßburg befänden, zur Fortsetzung der „Jahrbücher des Königreiches Ungarn“ ersucht4). Kaunitz wollte, daß Rosenthal sondiere, ob das Preßburger Archiv keinen Anstand mache, den Pater seine Bestände einsehen zu lassen, damit man sich darnach für einen Vortrag an die Kaiserin richten könne. Der Hausarchivar fand keine Bedenken, dem Gelehrten zur Fortsetzung seiner ungarischen Geschichtsschreibung und Behebung deren „Mängel“ dienliche Urkunden zu bewilligen. Allerdings wäre, wie seinerzeit beim jetzigen Bischof in Siebenbürgen, Bajtay 5), die nötige Vorsicht zu gebrauchen, daß alles „was für das Publikum nicht gehört“ ausgeschlossen bleibe. Für den Zugang zum ungarischen Kammerarchiv zu Preßburg wäre vorher die „Vernehmung der Behörde“ erforderlich, damit nicht etwa „zu gewissen Nebenabsichten auf Privatsachen Gelegenheit gebothen werden möchte“, worauf dem „Vernehmen nach bereits unter der Hand die Aeußerung geschehen seyn soll“. Rosenthal ist übrigens der Meinung, daß Pray bloß zur Fortsetzung seiner bis 1564, dem Sterbejahr des Kaisers FerdinandL, gediehenen Jahrbücher des Preßburger Archivs bedürfe. Nach den bisherigen „Beobachtungen“ des Hausarchivars fände der Pater das Auslangen mit der Benützung des hiesigen Archivs und der Hofbibliothek mit der dortigen „Kollarischen Sammlung“. Wenn er weiteres Material brauchen würde, so „müsse er eine weitere besondere Anzeige“ machen6). Der Staatskanzler schlägt in seinem Vortrage vom 10. Dezember 1766 der Kaiserin vor, P. Pray „mit der in solchen Fällen gewöhnten Behutsamkeit“ den Zutritt zum Hausarchiv zu gestatten, daß dagegen mit der Einsicht des ungarischen Kammerarchivs aber noch zurückgehalten werde, was die Zustimmung Maria Theresias fand 7). Später versicherte sich Kaunitz auch der Mitarbeit Prays, den er durch die ungarische Hofkanzlei dazu auffordern und durch die Zusage „einer allerhöchsten Belohnung aneifern“ ließ, für eine Ausarbeitung der Rechte und Ansprüche der Krone Ungarn in den fremden, besonders ihrer in türkischem Besitz befindlichen Provinzen 8). Pray hatte durch Benützung des „königlichen Kameral-Archivs“ und der Zuhilfenahme seiner vieljährigen Forschungsergebnisse 1786 die „Commentationem historicam, qua Regibus Hungáriáé Jus in Dalmatiam et mare adriaticum competere ostenditur“ und 1787 die „Commentationem Historicam de Jure Regum Hungáriáé in Bosniam, Serviam et Bulgáriám“ vollendet. Der Pater, so versicherte Kaunitz in seinem Vortrag vom 28. Jänner 1787 9) dem Kaiser Josef II., würde, wenn „seine Bemühungen der Allerhöchsten Zufriedenheit gewürdiget werden sollten“, mit demselben Fleiße die „königlichen Rechte auf die Walachei, Moldau und Bessarabien“ ausarbeiten. Der Staatskanzler schlägt daher vor, den „verdienstvollen Mann“ für seine bisherigen, „eben so gründlich als aeusserst mühesame Arbeiten“ zu belohnen und zur „ununterbrochenen Fortsetzung seines Fleisses und Eifers aufzumuntern“ und ihm die vakante Abtei zu Lekar b 1779 Mai 20, St. K. V., Fasz. 195. 2) Wurzbach, 1. c., 23. Bd., S. 224. 3) K. A. 1766/3. b Bittgesuch Pray’s ohne Datum bei St. K. V., Fasz. 148, 1766 Dezember 10. 5) Vgl. S. 96. 8) Rosenthal an St. K., 1766 Dezember 5, in K. A. 1766/3. 7) 1766 Dezember 10, St. K. V., Fasz. 148. 8) Seine heute noch erhaltenen Ausarbeitungen im Haus-, Hof- und Staatsarchiv siehe Böhm, 1. c., Nr. 305, 306, 999 und 1011. ») St. K. V., Fasz. 215,