Az Eszterházy Károly Tanárképző Főiskola Tudományos Közleményei. 1990. Germanistiche Studien (Acta Academiae Paedagogicae Agriensis : Nova series ; Tom. 20)
Imre Kelemen, Berührungspunkte zwischen Moral und Politik bei Machiavelli
63 wird wohl nicht genau verstanden haben, warum die Bürger von Florenz die Scheiterhaufen des Luxus mit solch grosser Begeisterung entzündeten. Vermutlich glaubte er, die alte, für universell gehaltene christliche Moral wiederherzustellen. Dies war aber in der traditionellen Form nicht mehr nötig. Das kollektive Schuldbewusstsein war nicht stark genug, um alles in der ursprünglichen Form wiederherzustellen. Worin bestand das grundlegende Problem? Die christliche Moral setzt die Erbsünde und damit verbunden auch die Erlösung voraus. Beide bedingen einander, d. h., wenn es keine Sünde gibt, dann gibt es auch keine Erlösung. Die Sünde ist zwar kollektiv, die Erlösung jedoch geschieht individuell. Die Renaissance stellte diese Struktur im Grunde genommen nicht in Frage, vielmehr hatte die neue Art des Lebens, die aus einer ganzen Reihe von Sünden bestand, einfach keinen Platz in ihr. Die Strafe für diese Sünden wurde dem Individuum auferlegt. Es tauchte eine neue kollektive Sündhaftigkeit auf, die mit der Erbsünde gar nichts zu tun hatte. Ihre Entstehung wurde dadurch ermöglicht, dass die bis dahin akzeptierte und gut funktionierende gesellschaftliche Struktur den Anforderungen der Entwicklung nicht mehr gefolgt und dadurch zu eng war und solange, wie daran nichts geändert wurde, bestand auch diese neue anonyme Sündhaftigkeit. Nachdem die strukturellen Veränderungen durchgeführt worden waren, hörte auch die sich daraus ergebende Sünde auf. Machiavellis moralische Konzeption kehrt, über das Christentum hinausgehend, zur Antike zurück: anerkennend betrachtet er die römische Moral. Dazu müssen wir hinzufügen, dass er sich der Wirkung der christlichen Tradition auch nicht entziehen konnte. Letzten Endes schreibt er doch keine Moralphilosophie, sondern weit angelegte politische Studien, und die Moral ist für ihn nur insofern interessant, als sie in der geschichtlichen Praxis einen Platz hat. Und diese geschichtliche Praxis beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Struktur und dem Funktionieren des Staates. Zu diesem Problem gehört die Auslegung des Guten und des Bösen. Nach der traditionellen christlichen Auffassung ist die Welt auf die Dualität des Guten und des Bösen aufgebaut, und das Ziel des Menschen kann nichts anderes sein, als die irdischen Leiden mit Geduld zu ertragen, um seine Belohnung im Jenseits zu erhalten. Mit den Kategorien des Guten und des Bösen befasst sich auch Machiavelli, aber als Beleg für ihr Vorhandensein sucht er schliesslich nicht nach abstrakten, sondern nach praktischen Beweisen. Warum eine Handlung gut bzw. schlecht ist, beweist er mit Hilfe der Geschichte. Woher die Kategorie selbst stammt, kann man nicht wissen, und als abstrakten Begriff in der praktischen Sphäre benötigt man sie auch nicht. Seiner Meinung nach braucht man sich nicht mit theoretischen Kategorien zu befassen, weil es auf der Welt sowohl Gutes als auch Böses gibt, allerdings nur, wenn es geschichtlich zu