Az Eszterházy Károly Tanárképző Főiskola Tudományos Közleményei. 1990. Germanistiche Studien (Acta Academiae Paedagogicae Agriensis : Nova series ; Tom. 20)

Imre Kelemen, Berührungspunkte zwischen Moral und Politik bei Machiavelli

62 funktionieren, wenn seine Bürger als freie Individuen einander gegenüberstehen, das ist aber unbedingt durch Gesetze zu sichern. Im folgenden werden wir uns mit der Kategorie der Moral befassen. Der Reichtum der italienischen Bürger hatte zwei wichtige Folgen, einerseits die Investition des angehäuften Geldes in künstlerische Werke, andererseits die Suche des Renaissance-Menschen nach weltlichen Genüssen. Diese beiden Folgen können nicht scharf voneinander getrennt werden, denn die Suche nach geistigem und körperlichem Glück war gewissermassen eine Reaktion auf die christliche Askese. In der Zeit Lorenzo Medicis erreichte die Renaissance ihren Höhepunkt. In der Zeit Savonarolas, als die Menschen von gesamtnationalen Gewissensbissen geplagt wurden, schien die Wiederherstellung der christlichen Moral wieder möglich: Diese Moral trat mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit auf und betrachtete sich als ewig. Aber gerade durch den Drang nach der Universalität widersprach sie sich selbst. Die Kirche hielt dadurch zweifellos eine grosse Macht in den Händen, dass sie über die Seelen zu herrschen vermochte. Laut der christlichen Ideologie ist ein jeder Mensch ein Sünder, denn er trägt die Erbsünde in sich. Die irdische Laufbahn des Individuums beginnt dadurch, dass es in eine sündhafte Gemeinschaft hineingeboren wird und dann später als handelndes Individuum danach strebt, sein persönliches Ziel, die Seligkeit, durch die Einhaltung der moralischen Regeln, bzw. mit Hilfe der staatlichen Institutionen zu erreichen. Diese Moral war für die Untertanen geschrieben worden und war für das aufstrebende, selbständige Handlung verlangende Bürgertum, das seine Individualität nur dann durchsetzen konnte, wenn es mit der traditionellen christlichen Moral in Konflikt geriet, nicht mehr befriedigend. Es ging nicht darum, dass die Religion und die zur Religion gehörende Gewohnheitsmoral ganz und gar verworfen werden sollte, sondern darum, dass die Vermittler zwischen Gott und Mensch nicht mehr annehmbar waren und dass das die Ergebenheit erzwingende Ritual nicht mehr akzeptabel war. Eine Lebensweise, deren Erfolg oder Erfolglosigkeit u. a. von dem Mass der Ausnutzung der wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten abhing, konnte sich nicht auf moralische oder andere Erwägungen - sei es von Menschen oder Institutionen ­verlassen. Hätte sie es trotzdem getan, wären ihre Handlungsmöglichkeiten auf das Minimum beschränkt worden, und die Anforderungen der Gegenwart wären dann mit den Sitten in einen schweren Konflikt geraten. Savonarola bezog sich zur Errettung der Seelen auf die traditionelle Moral, ein bisschen später griff Luther die neue Auslegung, die dem Bürger, der sich seiner eigenen Werte, seines Berufs bewusst war, völlig entsprach, auf; und Calvin verwandelte die Askese wieder zur Tugend, die mit einem neuen Inhalt erfüllt zum Muster einer bürgerlichen Lebensführung wurde. Savonarola

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