Evangélikus Elemi Iskola, Budapest, 1882
ganz ungefährlich halten, die aber, wie wir mit Bestimmtheit behaupten können, von höchst einflussreicher Tragweite siud. Versprechen wir daher nichts dem Kinde, was wir nicht einzuhalten vermögen oder einzuhalten gesonnen sind. Seien wir in allem, selbst in dem Geringsten offen und wahr, jund unsere Kinder werden auch wahrheitsliebend sein. Wie auch sollte ein Kind den Worten seiner Eltern trauen, wenn es — bei reiferem Alter — zu der Einsicht käme, dass diese nicht die Wahrheit im Munde führten! Aber man strafe auch nicht gleich nach jeder Kleinigkeit, besonders wenn sie aus kindlicher Unvorsichtigkeit Schaden anrichteten und die That frei und offen und mit Bedauern eingestehen. Unsere Kinder sollen sich nicht vor uns fürchten, sondern vielmehr davor, dass sie unsere Liebe verlieren könnten. „Wer zerbrach mir das Glas?“ frage ich. „Als ich es in die Küche trug, lieber Vater, fiel es mir aus den Händen !“ antwortet meine Tochter. „Ei, wie Schade! Du hast mich um mein liebes Andenken gebracht; gib ein anderes Mal besser Acht!“ Und das Mädchen fängt zu schluchzen an, erröthet und weint bitter, dass es den Vater betrübt. — „Pista, hast du die Orangenschnitten vom Teller genommen? „Ja. Mutter, ich!“ „Du!?“ — Pause. — „Ich dachte, es will sie niemand!“ — Du hättest fragen sollen; die fremden Sachen rührt ein braver Mann, so wenig als ein glühend Eisen an. Dass du mir dies nicht mehr tliust!“ — Derart gerügt, ist hinlänglich gestraft für ein derartiges Vergehen, und auch am wirksamsten und heilsamsten, da sie dem Kinde noch seine volle Unschuld belässt; denn das Bewusstsein, ein ausgesprochenes Unrecht verübt zu haben, trübt diese Unschuld, und das muss verhütet werden. War aber die Mutter auf diese Weise nachsichtig und das Kind verheimlicht oder läugnet doch im wiederholten Falle sein Vergehen, dann muss sein Lügen allen Ernstes bestraft werden, ebenso, wie es unsre Freude mitfühlen lerne, die wir darob bezeugen, wenn wir sehen, dass es zur Wahrheit rückkehrte. 1st es einer Mutter gelungen, in den Herzen ihrer Kinder das Aufrichtigkeitsgefühl zu bewahren, das vor ihr nichts zu verheimlichen hat und so lange keine Ruhe findet, bis es nicht alles gestanden, dann kann sie sich glücklich fühlen in dem Bewusstsein, ihre Kinder gut erzogen zu haben. Die ruhige Entwicklung des Kindes beeilt- t r ä ch t i g e n ferner: a u f t r e t e u d e Af f e c t e und L e i d e n- schäften, welche gleichfalls schon i m K e i m e z u un t e r d r ücken s in d. Ein Charakter entwickelt sich nur bei voller Gemütsruhe; der stille See des Menschengemüts wird aber