Evangélikus Elemi Iskola, Budapest, 1882

14 weil man einen Charakter leichter und besser dadurch erziehen wird, wenn man dem Unrechte vorbeugt, das Kind durch freund­liche Belehrung, durch Beispiel und Gewöhnung, durch Pflege erhabenerer Interessen, durch Begeisterung für alles Wahre, Edle und Schöne zum Guten hinl itet, als wenn man es durch Strafen auf den rechten Weg zu treiben versucht. Das Ideal des erziehenden Lehrers soll demnach auch darin bestehen, dass er mehr positiv als negativ erziehe, und muss er schon strafen, so wird er nie härtere anwenden, als welche die Besserung des Zög­lings unbedingt erfordern, solche, welche mehr auf das Gemüt und den Willen des Zöglings einwirken, — und diejenigen möglichst vermei­den, welche der Humanität widerstreben und mit der Würde des Menschen nicht zu vereinigen sind. Damit tlieile ich aber noch lange nicht den Standpunkt derjenigen, welche jedwede körperliche Strafe verbannen; im Gegenfheile: ich halte sie für ein sehr gutes Hausmittel, wo es gilt, einem Uebel schnell abzu­helfen ; nur Ideibe davon ferne die Gereiztheit und der Zorn der strafenden Eltern und Lehrer. Eine schnell applicirte, gerechte Strafe verdirbt nichts an dem Kinde, beeinträchtigt nicht einmal die gegenseitige Liebe, nicht auf einen Augenblick. Ich kenne eine vielbeschäftigte, einfache Mutter, die weniger denkt und w'eise handelt, ihre Jungens in der Eile in einen Winkel zusam­mentreibt, sie da mit flacher Hand ohne erst viel zu untersuchen coramisiert und dann wieder in alle Winde sich zerstreuen lässt. Viele werden ein solches Verfahren für roh halten; ich aber sage, das ist frisch, natürlich und viel gesünder, als das Verfahren je­ner kalten Mutter, die erst jedes Kind einzeln verhöret, den halben Tag über scheltet, mit Schlägen droht, wenn der Vater nach Hause komme und den kleinen Sünder bis dahin ins Win­kel stellt. Die Sache so hinaus zu spinnen, als wäre es zu ge­genseitigem Vergnügen;' ein Kind stundenlang vor Dienstboten und Aus- und Eingehenden so auf dem Pranger der Schande stehen zu lassen ist ebenso thöricht als grausam gehandelt, denn: „Die Schande ist — nach Jean Paul — eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts mehr werden kann, als höchstens ein Teufel.“ Ebenso tadelnswert ist es, wenn das Kind nach erhaltenen Schlägen für die Strafe noch die Hände küssen muss. Habe ich strafen müssen, so haben wir beide ge­litten und ich freue mich, wenn ich über die Stunde der Krän­kung hinweg bin und wünsche, dass uns Gott sobald keine ähn­liche gebe; nicht aber, dass ich mein Kind so auch noch recht zur Heuchelei anhalten sollte!

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