Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest während der ersten zwei Jahrzehnte des Systems der lokalen Räte (1950-1970)

ein Autobahnring um die Stadt mit den notwendigen Zugangs- und Ausfallstraßen angelegt. Den Schwerpunkt wird auch in Zukunft das übersichtliche Netz der Hauptstraßen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bilden. Für den Ausbau dieses Netzes und der Knoten­punkte, Fußgängerunterführungen und Hochstraßen wurde ein Programm entworfen, das das Bild Budapests in den nächsten 100 Jahren in anschauliche Nähe bringt. Im Leben einer Stadt hinterläßt bereits eine Generation sichtbare Spuren. Die grund­legende soziale Umgestaltung der vergangenen 25 Jahre und die technische Revolution haben die Veränderungen mehrerer Generationen zusammengedrängt. Wir leben in einer „offenen“ Gesellschaft. In der ungarischen Geschichte spielte sich eine bisher einzig da­stehende Veränderung von einer Generation zur anderen ab. Heute stammen 42 Prozent der Angestellten aus Arbeiterfamilien, 30 Prozent der Fabrikarbeiter aus Bauernfamilien; die Zahl der in der Industrie beschäftigten Frauen ist seit 1950 auf das Zweieinhalbfache ge­stiegen ; die Zahl der Facharbeiter erhöhte sich in den vergangenen 20 Jahren um 10 Pro­zent. Die Beschäftigung ist nicht mehr ausschlaggebend. Die geringeren Differenzen in der Bildung und in der Lebensweise werden durch Fähigkeiten und Leistungswillen und nicht durch soziale Zugehörigkeit bestimmt. 1970 ging in Budapest jedes Kind in schulpflichtigem Alter zur Schule, 35 Prozent besuchten die Mittelschule und jeder zweite Bürger, der das 15. Lebensjahr überschritten hat, verfügt über eine Schulbildung, die über der Acht-Klassen- Grundschule liegt. 6,4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung über 24 Jahren hat Hoch­schulbildung. Ein Drittel der Studenten, die in den letzten fünf Jahren an Universitäten und Hochschulen aufgenommen wurden, stammen aus Budapest. Zwar wurden in den Großstädten wie Miskolc, Pécs, Debrecen und Szeged beachtliche literarische Mittelpunkte geschaffen, doch den Gegebenheiten des Landes entsprechend ist Budapest auch heute das Zentrum des literarischen Lebens. In den fünfziger Jahren wur­den demonstrativ die vor dem Krieg bekannten Pester Literatencafés geschlossen. Seit 1960 erlebt die Literatur eine neue Etappe. Gyula Illyés, László Németh, Tibor Déry und zahlreiche andere ungarische Schriftsteller und Dichter sind heute auch international be­kannt. Die größten Verlage und Druckereien des Landes befinden sich in Budapest. Auch das Musikleben nahm einen Aufschwung. Die Musik wurde in Budapest im wahrsten Sinne des Wortes zum Massenbedürfnis. In den letzten 25 Jahren erhielt Béla Bartók, einer der genialsten Komponisten unseres Jahrhunderts, in Ungarn den ihm ge­bührenden Platz. Zoltán Kodály, Bartóks „Kampfgefährte“, arbeitete auf Grund intensiver Volksmusikforschungen eine neue Musikpädagogik aus, die im ganzen Lande eine noch nie dagewesene musikalische Aktivität auslöste. Die Losung Kodálys „Die Musik gehört jedermann“ wird Wirklichkeit. Die Hauptstadt wird auch im Musikleben kunstfördernd wirksam. Dies beweisen die Erfolge der alljährlich im Rahmen der Budapester Kunstwochen veranstalteten Musik­wochen und internationalen Musikwettbewerbe, die zur Würdigung des Schaffens hervor­ragender Komponisten wie Franz Liszt, Béla Bartók oder Pablo Casals stattfinden. Das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Befreiung und die Hundertjahrfeier der Vereinigung der Stadt sowie die lebensbejahende Atmosphäre Budapests inspirierten zahlreiche Künst­ler. So komponierte auf Ersuchen des Rates der Hauptstadt Emil Petrovics die Musik zu dem Poem „Das Buch Jonas“ von Mihály Babits, und György Ránki schuf das Oratorium „Lied der Stadt“ nach dem Text von Tibor Déry. 78

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