Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Von der Befreiung des Landes bis zur Schaffung Groß-Budapests (1945-1950)

Der Prozeß der Vereinigung wirkte sich sehr günstig auf die sozialistische Entwicklung des Landes aus. Im Frühjahr 1948 erfolgte die Verstaatlichung der Industriebetriebe mit mehr als 100 Beschäftigten. Mit diesem Schritt und den vorher durchgeführten Verstaat­lichungen wurde der sozialistische Sektor in der ungarischen Volkswirtschaft vorherrschend. Die Verstaatlichungen steigerten weitgehend das Selbstbewußtsein und die politische Aktivität der Budapester Arbeiterschaft. An die Spitze von 50 Prozent der verstaatlichten Betriebe wurden Arbeiter als Direktoren ernannt, doch auch auf anderen Gebieten des Wirtschaftslebens, in der öffentlichen Verwaltung und im kulturellen Leben bekleideten Arbeiter leitende Funktionen. Der Munizipalausschuß arbeitete auch weiterhin auf der Grundlage der Koalition, doch die führende Rolle kam den Vertretern der Arbeiterklasse zu. Die ausgesprochen rechts orientierten Parteien und ihre Funktionäre wurden aus dem Parlament der Hauptstadt ausgeschlossen. Budapest entwickelte sich mehr und mehr zur sozialistischen Hauptstadt des den Sozialismus aufbauenden Ungarns. In den Jahren 1948/49 zeigten sich im Lebensstandard der Bevölkerung bereits die Ergeb­nisse des Dreijahrplanes. Die Budapester Industrieproduktion erreichte quantitativ 1948 den Stand von 1938 und überstieg ihn 1949 bereits um 25 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten lag um 12 Prozent höher als vor dem Krieg. Die wichtigsten Dienstleistungen wie Wasser, Gas und elektrischer Strom waren stabil, sogar die Verbesserung der Lage in den Randbe­zirken, die in den früheren Jahrzehnten vernachlässigt worden war, konnte in Angriff ge­nommen werden. Auch die Instandsetzung der öffentlichen Verkehrsmittel wurde beendet. 1949 beförderten die elektrischen Straßenbahnen täglich doppelt soviel Personen wie 1941. Die organische Einheit von Pest und Buda wurde durch den vollständigen Wiederaufbau der Margaretenbrücke und den Neubau der Kettenbrücke im Jahre 1948 weiter gefestigt. Auch die Reparaturen in den kriegsbeschädigten Wohnungen wurden abgeschlossen, und in bescheidenem Rahmen begann der Wohnungsneubau, zunächst in den Arbeitervierteln. Im Gesundheitswesen kam es zu revolutionären Veränderungen. Die Erfolge beim Wieder­aufbau, die Wiederherstellung der Ordnung im Wirtschaftsleben, die zahlreichen Arbeits­möglichkeiten wirkten sich sehr günstig auf den Bevölkerungszuwachs aus. Die Zahl der Eheschließungen und der Lebendgeburten nahm erheblich zu, die Sterblichkeitsziffer und die Säuglingssterblichkeitsanken. Nach scharfen Kämpfen gegen die klerikale Reaktion wurde im Sommer 1948 die Trennung von Kirche und Schule vollzogen. In Budapest wurden die Grundschulen dem Stadtrat unterstellt. Die weiteren Schritte in der Kulturrevolution, so die Verstaatlichung der Theater und Kinos, erweiterten die Kompetenz der Stadtverwaltung. Im Jahr der Wende wurde klar, daß Groß-Budapest Wirklichkeit geworden war und dem auch verwaltungspolitisch Rechnung getragen werden mußte. Die Grenzen Groß-Budapests und die Zahl der neuen Bezirke wurden festgelegt. Nahezu gleichzeitig mit der Eingemein­dung der Randbezirke erfolgte auch die Umgestaltung der gesamten öffentlichen Verwal­tung. Sie wurde durch der Volksdemokratie treue Angestellte aufgefrischt. Das Gesetz Nr. XXVT/1949 verfügte die Eingemeindung von sieben Komitatsstädten und sechzehn Groß­gemeinden, so daß das Stadtgebiet Budapests am 1. Januar 1950 von 206 ;km2 auf 525 km2 und die Zahl der Einwohner von 1 057 912 auf 1 640 000 stieg. Das vereinigte Groß-Buda­pest bestand von nun an aus zweiundzwanzig Verwaltungseinheiten anstelle der früheren vierzehn Bezirke. Die Einführung des Systems der lokalen Räte schloß den Vereinigungs­prozeß ab. Das Rätesystem verkörperte den Sieg der sozialistischen Revolution in der vereinigten Hauptstadt des Landes. 70

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