Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)

Ungarn“ und des „Ungarischen Landesvereins der Schutzkräfte“. Auch in konservativen Kreisen war die Empörung groß, als 1920 terroristische Offiziere am hellichten Tage einen diensthabenden Polizisten ermordeten, weil er versuchte, einen Überfall zu verhindern. Terror, vollständig fehlende öffentliche Sicherheit und Ordnung, Hunger, Mangel an Bedarfsgütern und Heizmaterial, Inflation und Arbeitslosigkeit, das waren die Begleit­erscheinungen des Ausbaus des konterrevolutionären Regimes. In der Budapester Stadtverwaltung begann die Tätigkeit des konterrevolutionären Regimes mit der Suspendierung der revolutionären Körperschaften. Ihre Mitglieder wurden entlassen oder verhaftet. Fast ein Jahr lang wurde den über autonome Rechte verfügenden städtischen Organen jede Tätigkeit untersagt. An der Spitze Budapests stand ein Regierungs­­kommissar. In Disziplinarverfahren wurden Beamte ihrer Funktionen enthoben oder im besten Falle pensioniert, wenn sie in den Revolutionen irgendeine Rolle gespielt hatten, liberale Ansichten vertraten oder womöglich Freimaurer waren. Ihre Funktionen über­nahmen rechtsgesinnte oder sogar rechtsextremistische Beamte, die aus den Mittelschichten kamen. Dies hatte zur Folge, daß, nachdem sich die politischen Verhältnisse konsolidiert und sich sogar bis zu einem gewissen Grade liberalisiert hatten, in der Stadtverwaltung keine derartige Veränderung stattfand. Sie blieb die Basis für alle rechtsextremistischen faschistischen Tendenzen. Vom Herbst 1919 bis zum Frühjahr 1945 lag die Stadtverwaltung in den Händen einer konservativen, antiliberalen, antisemitischen Gruppe, die der von Károly Wolff geleiteten Christlichen Gemeindepartei angehörte. Diese Partei unterhielt enge Verbindungen zu den konservativen, klerikalen Kreisen und der von Gyula Gömbös geleiteten rechtsextremisti­schen rassistischen Gruppe. Der Klerus, der das konterrevolutionäre Regime von Anfang an unterstützte, gewann auch in Budapest bedeutenden Einfluß. Die neue leitende Partei der Hauptstadt wurde vom christlichen Mittelstand, vom Großbürgertum und von den herrschenden Klassen unterstützt. Ihre soziale Basis, die Masse ihrer Wähler, gehörte jedoch in erster Linie den christlichen Kleinbürgerschichten an, die sich enttäuscht von den Revolutionen abgewandt hatten. Unzufrieden mit ihrer sozialen und wirtschafüichen Stellung erhofften sie vom konterrevolutionären Regime die Erfüllung ihrer Ambitionen. Diese Partei konnte auch auf die Unterstützung der Stadt­verwaltung bauen. Die Christliche Gemeindepartei beziehungsweise die Vertrauten der Regierung bekleide­ten die leitenden Verwaltungsposten der Hauptstadt (Oberbürgermeister, Bürgermeister, Vizebürgermeister, Stadtverordnete usw.) sowie die Mehrzahl der sehr gut bezahlten Stellen in den Verwaltungsräten der öffentlichen Betriebe und Anstalten. Unter den reaktionären Kommunalpolitikern waren es der Bürgermeister und spätere Oberbürgermeister Jenő Sipőcz und der rechtsstehende Parteileiter Károly Wolff, die bis Mitte der dreißiger Jahre den Charakter der Stadtverwaltung bestimmten. Die neuen Stadtväter widmeten der persönlichen Bereicherung, der Erstickung der von der bürgerlichen Opposition geäußerten Kritik und der Unterdrückung der wachsenden Kräfte der Arbeiterbewegung größte Aufmerksamkeit. Ihre fünfundzwanzigjährige Kom­munalpolitik blieb nicht nur hinter jener der liberalen Stadtverwaltung vor dem ersten Weltkrieg zurück, sondern entsprach auch nicht den allgemeinen Zeiterfordernissen und den Möglichkeiten, über die Budapest verfügte. Die Ursache hierfür ist im Fehlen sozial­politischer Bestrebungen zu suchen, das das gesamte politische System Ungarns und auch 52

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