Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)

die Kommunalpolitik kennzeichnete, und die in entwickelteren und demokratischeren Staaten als dem damaligen Ungarn bereits zur Geltung kamen. Trotz verschiedener Ver­suche kam keine einheitliche Konzeption einer systematischen Stadtentwicklung zustande. Die allgemeinen und auch in Budapest vorhandenen Sorgen der Urbanisation wurden noch durch die für die Stadt speziell kennzeichnenden Mängel akzentuiert. Ernste Schwierigkeiten zeigten sich auch in den Finanzen der Stadt. Budapest nahm mehrmals in- und ausländische Darlehen auf, und die Schulden vergrößerten sich von Jahr zu Jahr. Die Darlehen wurden oft von unproduktiven Investitionen verschluckt, so daß die Zahl der Beschäftigten nicht entsprechend erhöht werden konnte. Es gelang nicht, das Budget im ständigen Gleichgewicht zu halten. Die Steuerlasten stiegen pausenlos, und dieser Prozeß konnte auch nicht durch die Vereinheitlichung der Steuerzahlungen aufgehalten werden. Riesige Summen, durchschnittlich 40 Prozent des Budgets, wurden für persönliche Ausgaben und für die Aufrechterhaltung des Verwaltungsapparats auf­gewandt. Das konterrevolutionäre Regime hatte in der Hauptstadt Fuß gefaßt, aber es gelang ihm doch nicht, seine Zielsetzungen restlos zu verwirklichen: das „andere Budapest“ blieb das Zentrum der Demokratie der Linken, der Arbeiterbewegung. Die Hauptstadt der Gegensätze Während der Periode zwischen den beiden Weltkriegen bewahrte und festigte Budapest seinen spezifischen Charakter. Es war nicht nur das Zentrum der Staatsverwaltung, des wirtschaftlichen und des kulturellen Lebens, sondern auch der Knotenpunkt des Verkehrs. In der Hauptstadt und ihrer Umgebung kam der Industrieproduktion eine größere Rolle zu als bisher. Zwischen 1921 und 1939 verdoppelte sich die Zahl der Fabrikanlagen und Werkstätten, und es kam zu einer stärkeren Konzentration der Industrie. Die Hälfte der Industrieproduktion des Landes stammte aus Budapest und seiner Umgebung. Einen großen Aufschwung konnten die Leichtindustrie (vor allem die Textilindustrie), der Instrumenten­bau und die Fernmeldetechnik aufweisen, doch auch die Schwerindustrie steigerte ihre Produktion. Dementsprechend verdoppelte sich hier die Zahl der Industriearbeiter, obgleich sich auch einige Industriezentren in der Provinz (Miskolc, Diósgyőr, Győr usw.) schnell entwickelten. Der größere Teil der Arbeiterschaft arbeitete in Großbetrieben. Die Manfred-Weiss-Werke in Csepel beschäftigten in den dreißiger Jahren 20 000 Personen. 1920 machten die Arbeiterschaft, das Proletariat, nahezu 40 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung der Hauptstadt aus, und gegen Ende der Periode lag diese Zahl noch höher. Dies bestimmte natürlich grundlegend die Gesellschaftsstruktur und die politische Haltung der Stadt. Obgleich die Wirtschaftsmaßnahmen des konterrevolutionären Regimes (Lohn­senkungen, Erhöhung der Arbeitszeit und Entlassungen in den zwanziger Jahren) sowie die politischen Verfolgungen in erster Linie die Arbeiterschaft trafen, und das Regime versuchte, durch christlich-soziale Demagogie die Arbeiter für sich zu gewinnen, blieb die Masse den Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei treu und bildete die Basis für die kommunistische Partei. Budapest war aber auch die Stadt des Kleinbürgertums. Das Handwerk hatte in der 53

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