Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)

lichkeiten der noch vorhandenen Kräfte des bürgerlichen Liberalismus wurden starke Beschränkungen auferlegt. Das konterrevolutionäre Regime verfolgte einen „christlichen Kurs“ und verkündete ein „christlich-nationales“ Programm. Das bedeutete Revolutionsfeindlichkeit, Nationa­lismus, gebietsrevisionistische Forderungen und Antisemitismus. Der als ungarisch be­­zeichnete „Boden“ (Großgrundbesitz und Güter mittlerer Größe, Mittelschichten und Bauernschaft) wurde der als unnational klassifizierten Arbeiterschaft und dem „fremden“, d. h. zum Großteil in jüdischem Besitz befindlichen Industrie- und Bankkapital gegenüber­gestellt. Die hochtrabenden Losungen verdeckten jedoch ein praktisches Bestreben: das Finanzkapital im Interesse der „christlichen“ und „ungarischen“ Mittelschichten aus seinen wirtschaftlichen und politischen Machtstellungen zu verdrängen und die Arbeiterklasse aus der Nation und dem politischen Leben auszuklammern. Die rechtsradikalen Rassen­fanatiker forderten mit besonderer Lautstärke den „Wachewechsel“. Die Machtübernahme durch das konterrevolutionäre Regime war für sämtliche demo­kratischen Tendenzen und Gruppierungen ein schwerer Schlag. Eine ganze historische Epoche sollte die Folgen davon tragen, daß die besten Vertreter der ungarischen Arbeiter­bewegung und der bürgerlichen Demokratie, hervorragende Persönlichkeiten der Wissen­schaft und Kunst, das Land verlassen mußten. Hier seien Mihály Károlyi, Georg Lukács, der ausgezeichnete Ökonom Eugen Varga, der namhafte Soziologe Karl Mannheim oder der in der internationalen Filmwelt bedeutende Alexander Korda erwähnt. Budapest, das Zentrum der kapitalistischen Entwicklung, bekam bereits in der Österrei­chisch-Ungarischen Monarchie die Ablehnung und den Haß des konservativen „herrschaft­lichen Ungarns“ zu spüren. Die Stadt war nicht nur das Symbol der wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, der kapitalistisch-bürgerlichen Entwicklung geworden, sondern auch Treffpunkt und Sitz der politischen und intellektuellen Kräfte, die für die bürgerliche Demokratie beziehungsweise die Arbeitermacht kämpften. In Budapest siegte die bürger­lich-demokratische Revolution, hier wurde die Räterepublik proklamiert. Das konter­revolutionäre Regime stempelte deshalb Budapest zur „Sündenstadt“. Es forderte ihre „Säuberung“, sie sollte „christlich und ungarisch“ werden. In dieser Forderung kamen nicht nur Revolutionsfeindlichkeit und der Wunsch nach dem „Wachewechsel“ zum Aus­druck, sondern sie enthielt auch den revisionistischen Traum, Budapest wieder zur Haupt­stadt des „Ungarns Stephans des Heiligen“ zu machen. Nach dem Sturz der Räterepublik wurde Budapest vom 4. August bis Mitte November von rumänischen Truppen besetzt gehalten. Am 6. August enthob die Konterrevolution die vorerst aus Gewerkschaftsführern gebildete Regierung ihres Amtes. Am 16. November 1919 marschierte die aus konterrevolutionären Offizierssonderkommandos gebildete „Na­tionale Armee“ in Budapest ein, geschützt durch solche Terrormaßnahmen wie Ausgeh­verbot und die Proklamation des Standrechts wie auf Feindesgebiet. Miklós Horthy, der drei Monate später zum „Reichsverweser“, also zur leitenden Persönlichkeit des Landes, ernannt wurde, forderte damals als oberster Befehlshaber die Abrechnung mit der „Sünden­stadt“ und ihren „destruktiven Elementen“. Fast zwei Jahre lang wütete der Terror in Budapest, und Mordanschläge durch Offiziere der Sonderkommandos standen auf der Tagesordnung. Überfüllte Gefängnisse, erbarmungslose Quälereien, Mordtaten und anti­semitische Hetzkampagnen waren gang und gäbe. Die Offizierssonderkommandos genossen die Unterstützung der rechtsextremen Organisationen wie des „Vereins der Erwachenden 51

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