Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)
Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945) (Vergleiche Dokumentenauswahl XVII—XXV) Fünfundzwanzig Jahre sind im Leben einer Stadt eine außerordentlich kurze Zeit. Das Vierteljahrhundert, die Jahre von 1919 bis 1945, ist vielleicht der Abschnitt in der Geschichte der Stadt, der mit den meisten Widersprüchen belastet ist, der Prüfungen und Leiden, aber auch große Umwälzungen gebracht hat. Infolge der militärischen Niederlage, die die Mittelmächte erlitten, des Zerfalls der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und des im Rahmen des Versailler Friedenssystems geschlossenen Friedensvertrages von Trianon war Budapest nicht mehr die „zweite Hauptstadt“ eines Reiches, ja noch nicht einmal die Metropole des historischen Ungarns. Die Größe Ungarns veränderte sich grundlegend. Das Land verlor ungefähr zwei Drittel seines Territoriums und fast die Hälfte seiner Bevölkerung. Budapest veränderte sich zwar kaum flächenmäßig, seine Bevölkerung nahm jedoch zu. 1920 betrug die Zahl der Einwohner fast eine Million, während des zweiten Weltkrieges lag sie sogar noch höher. Fast ein Siebentel der Bevölkerung des Landes wohnte in der Hauptstadt. Das war in Mittel- und Osteuropa eine einmalige Erscheinung. Das Ziel der Landflucht war in erster Linie die Hauptstadt. Budapest versuchte bereits in den dreißiger und vierziger Jahren, sich gegen eine zu schnelle Bevölkerungszunahme zu schützen. Zu einer ähnlich dicht bevölkerten Großstadt entwickelte sich keine andere ungarische Provinzstadt. Nur zwei, Debrecen und Szeged, erreichten zusammen mit den Randbezirken die Hunderttausendgrenze. Der Urbanisationsprozeß vollzog sich keineswegs harmonisch. Diese beiden Faktoren, die „Reduzierung des Hinterlandes“, d. h. die Verkleinerung des Landes, und die relativ langsame und ungleichmäßige Urbanisierung vertieften noch den Charakter der „einzigen Stadt“, den Budapest trug. Budapest in den Jahren des Ausbaus des konterrevolutionären Regimes In den Jahren 1918 und 1919 war Budapest das Herz der Revolution und tonangebend für die tiefgehende soziale und politische Umwälzung gewesen. Im Herbst des Jahres 1919 wurde es jedoch der Sitz des konterrevolutionären Regimes. Infolge des Sturzes der Räterepublik war der Prozeß der demokratischen Umgestaltung des Landes nicht nur unterbrochen, sondern seine Fortsetzung war für Jahrzehnte vereitelt worden. Mit der Unterstützung der Ententemächte übernahm in Ungarn ein konterrevolutionäres Regime die Macht, das nicht nur die Diktatur des Proletariats, die Räterepublik, stürzte, sondern auch jede bürgerlich-demokratische Institution abwies und sogar im bürgerlichen Liberalismus eine „antinationale“ Tendenz sah. Dementsprechend wurde die Linke schärfstens verfolgt. Die kommunistische Partei sah sich gezwungen, in die Illegalität zu gehen. Auch die bürgerliche Demokratie wurde abgedrosselt, und den Organisationsmög-50