Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapests Weg zur Großstadt (1849-1919)

bereich als auch der Personalbestand der ständig wachsenden Stadtverwaltung und die steigenden Kosten der Stadtentwicklung erforderten diesbezügliche Konzeptionen. Doch erst zu Beginn des Jahrhunderts wurde ein neuer, den Bedürfnissen der schnell gewachsenen Stadt gerechter Wirtschaftskurs eingeschlagen, der die materielle Lage der Stadt durch langfristige Investitionen, vorwiegend durch Übernahme der Kommunalleistungen in städtische Hände und ihren betriebsmäßigen Einsatz zu lösen versuchte. Parallel wurde eine selbständige Budapester Sozialpolitik angesteuert (Bau von Häusern mit Kleinwohnun­gen, Schulen, Volksbildungseinrichtungen usw.). Um hierbei einen Erfolg zu erzielen, arbeitete die neue liberale Stadtverwaltung, die sich an den Namen des fortschrittlichen Bürgermeisters der Epoche, István Bärczy, knüpfte, mit der entstehenden Stadtpartei der radikalen kleinbürgerlichen Elemente unter Führung von Vilmos Vázsonyi zusammen. Indem sie sogar die Ausdehnung des Wahlrechts unterstützte, kam sie der Arbeiterschaft einige Schritte entgegen. Widersprüche der Entwicklung Mit der Entstehung der modernen Großstadt verschärften sich (seit der Jahrhundert­wende mehrmals fast bis zur Explosion) auch die sozialen Gegensätze. Die Großbourgeoisie der Stadt beherrschte zu der Zeit bereits de facto die gesamte einheimische Wirtschaft. Im engen Bündnis mit ihr standen die hohen Funktionäre der staatlichen Bürokratie, die die Vollzugsgewalt des Staates lenkten, und die Aristokratie, die ihren traditionellen politischen Einfluß und ihr Gewicht nicht nur beibehalten wollte, sondern auch fähig war, diesen im Bündnis mit der Großbourgeoisie noch zu erweitern. Diesen vermögendsten Schichten der Stadt sicherten die Gesetze einen besonderen Einfluß auf die Stadtleitung; die Hälfte der Abgeordnetenkörperschaft der Hauptstadt wurde von den 1200 am höchsten besteuer­ten Bürgern gewählt. So verkümmerte von vornherein das stadtpolitische Leben. Die ersten bedeutenden politischen Massenbewegungen nahmen um die Jahrhundert­wende ihren Anfang. Dies ging mit der gesetzmäßigen Stärkung der kleinbürgerlichen Schicht und deren Erwachen zu politischem Bewußtsein bei der wirtschaftlichen Ent­wicklung einher. Das Gewicht dieser Bestrebungen nach einer fortschrittlichen städtischen und damit landesweiten Politik wurde jedoch dadurch eingeschränkt, daß die seit 1874 bis Ende des Weltkriegs gültigen Wahlgesetze das Wahlrecht an den Vermögenszensus banden. Obwohl dieser Zensus verhältnismäßig gering war, erreichten ihn bei den außer­ordentlich polarisierten Vermögensverhältnissen der Stadt doch nur 8—9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihre Forderung nach einer fortschrittlichen Stadtpolitik wollten die bürgerlichen, bürgerlich-radikalen und kleinbürgerlichen Elemente in erster Linie durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts durchsetzen. Hierbei fanden sie auch in den ständig wachsenden Massen der Arbeiterklasse der Stadt einen aktiven Verbündeten. Gegenüber dem in Bezug auf Ungarn an Zahl und Differenzierung einzig dastehenden hauptstädtischen Bürgertum entstand in Budapest (die Vorstadtzonen mit einbezogen) das zahlenmäßig stärkste Proletariat in Ungarn. Bis 1910 betrug die zusammengeballte Fabrikarbeiterschaft 141 000 Menschen, d. h. 13 Prozent der Gesamtbevölkerung und 12,8 Prozent der Erwerbstätigen. Mit dem Wachstum ihrer Zahl und ihrer Rolle wuchsen auch die Organisiertheit und das politische Bewußtsein des Budapester Proletariats. Nach 46

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