Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapests Weg zur Großstadt (1849-1919)

dem Verbot des Allgemeinen Arbeitervereins erhielten seit 1873 zunächst die sozialistische Presse und der allgemeine Arbeiter-Krankenversicherungsverein die Kontinuität der Arbei­terbewegung aufrecht. 1876 übernahm Leo Frankel, der aus Budapest stammende ehe­malige Arbeitsminister der Pariser Kommune, die Leitung der Bewegung. 1880 wurde in Budapest die Ungarische Allgemeine Arbeiterpartei gegründet. Nach Frankels Ver­haftung (1881) und nach seiner Emigration (1883) betrieb die Partei zwar eine Kompromiß­politik, doch durch ihre Existenz und Organisationsaktivität schuf sie trotz ihrer Fehler und Grenzen die Grundlagen dafür, daß mit Hilfe der II. Internationale 1890 in Budapest die Sozialdemokratische Partei Ungarns entstehen konnte. Im gleichen Jahr haben die Arbeiter auch in der Hauptstadt den 1. Mai mit einer Demonstration gefeiert. In den neun­ziger Jahren erstarkte ebenfalls infolge des industriellen Aufschwungs die Gewerkschafts­bewegung, 1899 wurde in Budapest der erste Kongreß der Gewerkschaften Ungarns einbe­rufen. Der bedeutendste und aktivste Mittelpunkt der Bewegung war — auch vom Standpunkt der Organisierung der linken Opposition gegen den revisionistischen Vorstand der Partei — stets die Hauptstadt. Durch die immer entschiedeneren Forderungen der Arbeiterschaft beeinflußte sie die Entwicklung der Sozialpolitik der Stadt ebenso wie die gemäßigt fort­schrittliche Haltung der Stadtverwaltung in den politischen Fragen im Landesmaßstab. Im Protest gegen die in der Staatspolitik vorstoßende Reaktion zeigte das Proletariat von Budapest 1905, 1907 und 1912 durch riesige Massenkundgebungen den herrschenden Klas­sen Ungarns die Kraft der Arbeiterschaft. Die stürmisch wachsende und sich urbanisierende Stadt (die einzige Großstadt Ungarns von wirklich europäischem Ausmaß und Charakter) wurde in dieser Zeitspanne das aus­schließliche Zentrum der ungarischen Kultur. Die örtliche Massenbasis dazu bildete die Schulpolitik der Stadt, die mit den Bedürfnissen Schritt halten wollte; der Analphabetismus war in Budapest am niedrigsten im Lande. Hier wirkten die wissenschaftlichen Einrichtun­gen des Landes, die Universitäten, öffentlichen Sammlungen, die größten Buchverlags­anstalten sowie die literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Gesellschaften; auf jedem Gebiet des kulturellen Lebens war fast nur Budapest imstande, Rang und Autorität zu verleihen. Hier erschien seit 1908 das einflußreichste Organ der modernen ungarischen Literatur, die Zeitschrift „Nyugat“ (Westen), zu deren Mitarbeitern die besten, fortschrittlichsten Schriftsteller und Dichter des Landes gehörten. Hier entwickelte sich die diflerenzierteste Theater- und Musikkultur, die neben den kleinbürgerlichen Kunst­gattungen der Massenunterhaltung (Volksbühnenstücke, später Operette, Schlager usw.) auch den progressiven künstlerischen Bestrebungen Raum bot. Doch in diesem kulturellen Leben traten immer stärker die durch die sozialen Spannungen der Großstadt besonders zugespitzten inneren Widersprüche der ungarischen Gesellschaft hervor, die sich auch in den Kunstwerken immer krasser widerspiegelten. Am ausdrucks­vollsten hat sie der bedeutendste ungarische Dichter der Epoche, Endre Ady, gestaltet. Auf diesem Nährboden entstanden z. B. die avantgardistischen Richtungen in der bildenden Kunst oder die neuen Strömungen in der Musik (z. B. die Bestrebungen des jungen Béla Bartók). Im wissenschaftlich-politischen Bereich gewannen der bürgerliche Radikalismus, der den bedeutenderen Teil der Intelligenz beeinflußte, und später auch der Marxismus an Raum. 47

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