Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Budapests Weg zur Großstadt (1849-1919)
265 km lange Leitungssystem. Die Abwässer wurden durch ein um die Jahrhundertwende zeitgemäß ausgebautes und allmählich weiterentwickeltes Kanalisationsnetz abgeleitet. Infolge all dieser Maßnahmen verbesserte sich auch die sanitäre Versorgung der Stadt rapide, und die Sterbeziffer pro 1000 Einwohner fiel von 38,9 im Jahre 1874/75 auf 16,1 im Jahre 1911/12, allerdings blieb der krasse Unterschied zwischen den reichen Bezirken und den vom Proletariat bewohnten Stadtvierteln auch weiterhin bestehen. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges war Budapest im Grunde auch technisch bereits eine moderne Großstadt. Trotzdem konnte das Tempo des Wohnungsbaus und der Versorgungsanlagen mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt halten: in Budapest gab es die meisten überfüllten Kleinwohnungen in ganz Europa. Von der Wohnungsmisere war natürlich vor allem das Proletariat betroffen. Es ist charakteristisch, daß die Zahl der Bewohner pro Zimmer von 1880 bis 1910 selbst in der Innenstadt von 2,91 auf nur 2,54 gesunken und in den Außenbezirken sogar bedeutend gewachsen ist: von 2,63 auf 3,31. Ein Teil des Proletariats lebte hier, in erster Linie in Angyalföld (heute XIII. Bezirk), in Kőbánya (heute X. Bezirk) und auf der Budaer Seite in dem sich nur langsam urbanisierenden, in seiner Rückständigkeit die Atmosphäre einer alten Winzer-Kleinstadt lange Zeit bewahrenden Óbuda, in Kellerwohnungen und Massenquartieren zusammengepfercht, während ein anderer Teil jenseits der Stadtgrenze im Schatten der Großbetriebe (die auf der Flucht vor den hohen Stadtsteuern hier erbaut wurden) seine ärmlichen, anfangs kleinen, doch ungemein rasch wachsenden Siedlungen errichtete. Újpest (heute IV. Bezirk), die erste unter diesen Siedlungen am nördlichen Stadtrand, begann sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts herauszubilden. Ab 1870 entstanden am Südrand der Pester Seite — faktisch aus dem Nichts, ohne irgendwelche organisierten Vorläufer — die Siedlungen von Erzsébetfalva, Kispest und Pestlőrinc (heute XX., XIX. und XVIII. Bezirk). Bald bildeten sich Siedlungen vornehmlich an der östlichen Stadtgrenze in der Nachbarschaft von alten Bauerndörfern mit großer Vergangenheit, die ihre traditionelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktur lange beibehielten. Charakteristisch für das Wachstum dieser Siedlungen war, daß bis 1900 in den Budapest umgebenden sieben bedeutendsten Ortschaften des Vorstadtgürtels bereits 105 000 Menschen lebten (61 Prozent davon waren Industriebevölkerung). Ihre Zahl wuchs innerhalb von 10 Jahren auf 183 000 und erreichte bis Ende des Weltkrieges 240000. Seit 1893 wurde die Administration der Stadt funktionsgerecht in Bezirke aufgeteilt. Angesichts dieser Entwicklung entwarfen bis 1908 einzelne fortschrittliche Stadtpolitiker für Großbudapest ihren ersten Plan zur administrativen Vereinigung des Vorstadtgürtels mit Budapest nach dem Modell, das sich in zahlreichen Großstädten Mittel- und Osteuropas schon seit Jahrzehnten durchgesetzt hat. Die in der Stadtverwaltung führende Budapester Bourgeoisie jedoch vereitelte den Plan, weil sie den politischen Einfluß und das Gewicht der Proletarier im Budapester Vorstadtgürtel nicht weniger fürchtete als die durch den Anschluß anfallenden hohen Kosten. Die Berufung auf die Kosten war bei der finanziellen Lage der Stadt nicht unbegründet. Um die Jahrhundertwende hatte die Stadt sehr hohe Schulden, weil die Stadtverwaltung sich in erster Linie auf eine aus den siebziger Jahren stammende traditionelle Wirtschaftspolitik der Steuern und Gebühren stützte. Doch zur Tilgung der Schulden und zur Deckung der mit der Stadtentwicklung wachsenden administrativen und kommunalen Aufwendungen wurden keine zeitgerechten finanziellen Konzeptionen unterbreitet. Sowohl der Wirkungs-45