Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
András Sipos: Bürgermeister István Barczy und die sozialen Bauprojekte in Budapest am Anfang des 20. Jahrhunderts
201 Klage, dass wir fremde soziale Einrichtungen importieren wollen. Na, wenn über irgendwelche sozialpolitischen Maßnahmen gesagt werden kann, dass sie einen nationalen Charakter haben, in dem Sinne, dass sie aus unseren besonderen, örtlichen Verhältnissen herauswuchsen, dann ist das Wohnbauprogramm der Haupt- und Residenzstadt so eines.” Die Ausbreitung der - für das Wohnungswesen erkämpften - „besonderen Behandlungsweisen” für die Schulbauten erreichte Bárczy dadurch, dass die Schulklassen, die zwangsweise in Miethäusem untergebracht wurden, mehrere hundert mittelmäßige Wohnungen beanspruchten, die für die Sicherstellung der Balance des Wohnungsmarktes dringend nötig waren. Wegen der stark begrenzten Autonomie der Hauptstadt war die Kooperation mit der Regierung eine unentbehrliche Voraussetzung für den Beginn und die wirkungsvolle Ausführung des Bauprogramms. Ein günstiger Umstand war, dass genau in der kritischen Phase von Beschluss und Anlaufen des Programms in der Person von Sándor Wekerle ein Politiker an der Spitze der Regierung stand, der selbst ein Anhänger und Vorkämpfer des massierten Wohnungsbaus war. Ein Ergebnis der zwischen ihm und Bárczy entwickelten engen Zusammenarbeit war, dass im November 1908 das Gesetz XLVIII für die Wohnungen, die von der Hauptstadt zu bauen waren, unter der Bedingung Steuerfreiheit garantierte, dass die Mieteinnahmen die Selbstkosten nicht übertrafen. In die Eigenkosten wurden außer den Erhaltungskosten die Grundmietkosten (die 4% des Grundstückwertes deckten) und der Zins bis zu 6% des in dem Bau investierten Anleihekapitals mit einbezogen. Dessen Bedeutung kann man kaum überbewerten, denn als Deckung des Baus dienten praktisch nur Kredite. Der Wohnungs- und Schulbau machte einen Teil, einen Schwerpunkt eines größeren, auf eine ausländischen Anleihe gegründeten Investitionsprogramms aus. Bárczys Idee war, die Investitionstätigkeit der Gemeinde völlig auf Anleihen zu gründen, abgesichert durch einen adäquaten Anteil aus den profitablen Investitionen in die Infrastruktur (die die Deckung der Anleihentilgung erwirtschaften können). In erster Linie diente dafür die gewinnorientierte Tarifpolitik der kommunalen Großuntemehmungen, deren Ausbau den größten Anteil des Investitionsprogramms ausmachte. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bewährte sich diese neue Finanzpolitik, die Verdreifachung des Schuldenstands konnte den Gemeindehaushalt nicht erschüttern. Die Stadtführung rechnete den Wohnungsbau innerhalb des Investitionsprogramms nicht zu den Bereichen, die finanziell zu unterstützen waren, sondern zu jenen, die mindestens die Zinsen und die Rückzahlung des direkt dafür investierten Kapitals erwirtschaften mussten. Dementsprechend gaben sie Auftrag für den Bau solcher Wohnungen, die auch bei den Mieten selbstfinanzierend waren, die wesentlich kleiner (um 25-30%) als der Durchschnitt in den Privatmiethäusern und für bestimmte Mieterschichten (in erster Reihe Arbeiterfamilien mit mehreren Kindern) auch erschwinglich waren, aber gleichzeitig überdurchschnittliche Wohnverhältnisse sicherten und durch