Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
András Sipos: Bürgermeister István Barczy und die sozialen Bauprojekte in Budapest am Anfang des 20. Jahrhunderts
202 ihr Beispiel zur Verbreitung höherer Qualitätsansprüche bei Wohnungen beitrugen. Infolge der Dominanz des Pester Miethaustyps - mit seinen typischen umbauten Höfen und Rundgängen - wurde der größte Teil der Bevölkerung in Hofwohnungen gezwungen - im Widerspruch zu dem Ideal von „Licht und Luft”, das der Leitstern der „haussmannisierenden” Stadtplanung war. Die Situation schien sich noch zu verschlimmern, da der private Wohnungsbau von Jahr zu Jahr mehr hof- als straßenorientierte Räume produzierte. Bárczy und seine Mitarbeiter stellten den Architekten die Aufgabe, Grundrisslösungen zu finden - wenn auch durch Abgehen von der Umbauung der Höfe und den Grundstücksblock öffnenden inneren „Straßen” -, die es ermöglichen sollten, dass möglichst nur die Küchen nach den Höfen hin orientiert waren. Hofwohnungen in den Miethäusern der Stadt kamen tatsächlich nur als Ausnahme hervor. Es war nicht von vornherein entschieden, welche Bauart im Rahmen des Programms bevorzugt werden sollte. Im Laufe der internationalen Diskussion über die Lösung der Wohnungsfrage waren das absolute Verwerfen des Vielwohnungs-Miethauses als Wohnungs- und Ortsform und die These des Familienhauses mit Garten als ausschließlich akzeptabel unter dem Aspekt der Gesellschaft und des Gesundheitswesen markante Standpunkte. Es war klar, dass für breite Schichten das Einfamilienhaus nur in der Form des siedlungsartigen Baus finanziell erreichbar sein konnte. In Budapest war der erste Siedlungsbau die Tisztviselőtelep (Beamtensiedlung) in den 1880er Jahren, die an die Lebensartreformbewegungen der Mittelschichten anknüpfte. Mit der Wekerle-Siedlung fing der massierte Arbeiterhausbau an, der auch mit den Idealen der von England beeinflussten Gartenstadt-Bewegung in Verbindung stand. Ursprünglich entwickelten die Architekten der Stadtgemeinde neben den Miethäusem auch solche Musterentwürfe, die mit der Wekerle-Siedlung vergleichbaren Einfamilienhaussiedlungen entsprachen. Es wurde aber bald offensichtlich, dass diese Ideen mit den gegebenen finanziellen Möglichkeiten nicht zu verwirklichen waren. So konnte der Staat auch nur in der Flur an der Grenze der benachbarten Gemeinde Kispest bauen, auf einem Areal, das er für ein Drittel der Preise in der Hauptstadt erwerben konnte. Auf Projekte innerhalb der Stadt musste er aber verzichten. Das Investitionsprogramm der Hauptstadt, das 1909 angenommen wurde, berücksichtigte den Bau von Einfamilienhaus-Arbeitersiedlungen überhaupt nicht. Bárczy und seine Mitarbeiter planten den Bau von 3.000 Arbeiterwohnungen mit ein bis zwei Zimmern in Miethäusem. Für die Beamten der Hauptstadt wollten sie zwei- und mehrräumige „bürgerliche” Wohnungen bauen, zum Teil in der Form von Einfamilienhäusern. Auf einzelnen wertvolleren Grundstücken beabsichtigten sie 500 bestausgestattete Wohnungen zum Zweck kommerzieller Verwertung zu errichten Sie planten außerdem fünf Volkshotels für Arbeiterschichten, die nicht einmal unter den beschriebenen Vergünstigungen in der Lage waren, eine Wohnung zu unterhalten.