Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
András Sipos: Bürgermeister István Barczy und die sozialen Bauprojekte in Budapest am Anfang des 20. Jahrhunderts
200 Gebäudebestands und das Niveau der Infrastruktur den Vergleich mit Europa bestanden, lebte der Großteil der Bevölkerung unter krass unzulänglichen Zuständen. Mehr als 50% der Wohnungen hatten nur ein Zimmer, und in 45% gab es neben dem Zimmer und der Küche keine weiteren Räume. In annähernd zwei Fünfteln dieser Wohnungen waren die Bewohner sogar gezwungen, Untermieter oder Bettgeher aufzunehmen, um die unverhältnismäßig hohe Miete bezahlen zu können. Wenn der Anteil der Kleinwohnungen Budapest auch mit den Hauptstädten Mitteleuropas, mit Wien und Berlin (die überwiegend als Beispiel herangezogen wurden), gleichstellt, übertraf die Bewohnerdichte (im Durchschnitt mehr als vier Personen pro Zimmer) der Kleinwohnungen die Situation in Wien und Berlin doch bei weitem. Die schlechten Wohnungsumstände mussten die Bewohner sehr teuer bezahlen. Dazu kam noch, dass auf Grund der Stagnation am Bau um die Jahrhundertwende eine drastische Mietenerhöhung eintrat (in der Kategorie der Kleinwohnungen zwischen 1900-1906 mehr als 45%). 1909, in dem Jahr, in dem der intensive öffentliche Wohnungsbau begann, standen in der Stadt kaum 200 Mietwohnungen frei, das heißt, meistens nur Räumlichkeiten, die für Wohnzwecke ungeeignet waren. Nach der Meinung von Imre Ferenczi, Bárczys Hauptexperten für das Wohnungswesen, entsprach dies einer absoluten Wohnungsnot, „für die es in modernen Großstädten nachgewiesen noch nie und nirgends ein Beispiel gab” [Hervorhebung im Original]. Die Wohnungsmisere wurde auch zum Brennpunkt der politischen Unzufriedenheit. Von 1906 an konnte die Sozialdemokratische Partei Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern gegen den „Mietwucher” organisieren. Als kollektive Widerstandsform der Bevölkerung entfaltete sich eine Hausboykottbewegung, die ab 1909 in Mietstreiks umschlug, die von tumultuösen Szenen, Manifestationen kollektiver Gewalt, begleitet wurden. Die Sozialdemokraten, die aufgrund des eingeschränkten Wahlrechtes in der Stadtvertretung nicht vertreten waren, nahmen die „Revolution der Mieter” und die Forderung eines massierten kommunalen Wohnhaus auf. Die mehreren tausend Wohnungsbauten, die im Rahmen von kommunalen Investitionen ausgeführt wurden, waren nicht nur in unserem Fand völlig neu, sie kamen auch in Europa selten vor. Wir kennen nur Beispiele in Großbritannien, die in ihrer Dimension mit denen in Ungam verglichen werden können. In den Großstädten des Kontinents war die Unterstützung der gemeinnützigen Privat- oder Gesellschaftsbauten die Hauptform der aktiven Wohnungspolitik. Bárczy und seine Mitarbeiter konnten ihre radikale Lösung von den kommunalen Entscheidungsgremien nur unter weitgehender Ausnützung des äußeren Drucks durch die „Revolution der Mieter” bewilligen lassen. Während die konservativen Gegner von einem gefährlichen Schritt in Richtung Sozialismus sprachen, wiesen Bárczy und sein Kreis darauf hin, dass die Belastungsfähigkeit der Gesellschaft - die in den westlichen Städten vorhanden war - in Budapest fehle. Deshalb stelle sich die Rolle der öffentlichen Hand anders dar. Nach Imre Ferenczi: „Bei uns gibt es immer die