Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)

András Sipos: Bürgermeister István Barczy und die sozialen Bauprojekte in Budapest am Anfang des 20. Jahrhunderts

199 eigene Berufung sahen sie darin, ihre Fähigkeiten, die sie aufgrund ihrer Schulung besaßen, umzusetzen und professionelle, rationale Techniken auszuarbeiten und diese im Dienst der kulturellen Entwicklung zur Lösung der notwendigerweise auftretenden gesellschaftliche Konflikte einzusetzen. Das Amt des Bürgermeisters von Budapest war institutionell eine schwache Position. Der Bürgermeister hatte in den Fragen der Stadtverwaltung gegenüber dem Kollegium des Rates kaum einen eigenen Zuständigkeitsbereich. Einen selbstständigen Bewegungsspielraum besaß er größtenteils nur in der Verfügung über das Personal und über die Arbeits- und Geschäftseinteilung im Verwaltungsapparat. Bárczy nutzte die darin liegenden Möglichkeiten weitgehend aus. Mit der spezifischen „Verdoppelung” des Apparates entriss er die wichtigeren Programme der routinierten Sachführung des Rates und der Kommissionen und gab sie in die Hände von ihm ausgewählter Mitarbeiter, und mit deren Hilfe konnte er unter Zurücksetzung von Formalitäten sehr wirkungsvoll handeln. Währenddessen wurden die laufenden Verwaltungsaufgaben vom Apparat in unveränderter Ordnung und Zusammenstellung ausgeführt. In diesem Mitarbeiterstab erlangten die zur radikalen, demokratischen, geistig-politischen Strömung und die zum Kreis der Zeitschrift „Huszadik Század“ (Das Zwanzigste Jahrhundert) gehörenden Personen eine bestimmende Rolle. Die bestimmende, initiative Rolle der auf diese Weise verstärkten und nach seinen eigenen Vorstellungen geformten Administration konnte Bárczy auch gegenüber der zersplitterten General­versammlung mit starker Hand zulassen. Für diese von gesellschaftsreformerischer Berufung erfüllte Spezialistengruppe konnte Bárczy einen bedeutenden selbstständigen Freiraum erkämpfen, sowohl gegenüber den Herren der Generalversammlung, als auch gegenüber der zentralen staatlichen Bürokratie. Diese Gruppe sah die zunehmenden sozialen Probleme der modernen Großstadt aus einem neuen Blickwinkel. Sie vertrat die Auffassung, dass die soziale Fürsorge kein bloß sekundäres Element sein kann, das aus den moralischen Verpflichtungen der Bürgerschaft (die den Nutzen des Fortschritts genießt) den Armen und Hilfsbedürftigen gegenüber entsteht. Wesentlich für die Effektivität der Stadt ist, dass der soziale Bezug für jedes Gebiet der Stadtplanung und Stadtverwaltung von entscheidender Bedeutung sein muss. Mit einem heutzutage modischen Ausdruck wurde das Problem der „gesellschaftlichen Relevanz“ der Stadtentwicklung zum ersten Mal in seiner vollen Bedeutung und Komplexität durchdacht. Demgemäss fanden sie die von der Vorgängergeneration hinterlassene Erbschaft sehr widerspruchsvoll. Unter ihrer Leitung kamen der eklektische Gebäudebestand, die Straßenzüge, die auch heute noch einen der wichtigsten architektonischen Reize Budapests ausmachen, zustande. Hinter den imposanten Fassaden produzierte dieselbe Epoche jedoch in großen Mengen auf die Höfe blickende, komfortlose Zimmer- Küche-Wohnungen. Dieser Wohnungstyp bedeutet nicht nur heute ein gravierendes Hindernis für die Revitalisierung der inneren Stadtteile, er wurde bereits zur Jahrhundertswende als gesundheitsschädlich und unmodern erachtet! Während der Eindruck der inneren Stadtteile, die technischen Parameter des

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