Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)

Eva Offenthaler: Die Elektrizitätsversorgung

181 Engerthstraße-Wehlistraße-Wachaustraße und Hillerstraße. Zwischen der Gemeinde Wien und diesen drei Gesellschaften wurden Verträge über das Recht der Kabellegung in den Straßen geschlossen, die teilweise bis 1939 in Kraft waren. Wie die Gasversorgung lag somit auch die Stromversorgung zunächst in der Hand privater Unternehmungen. Konkreter Anlass für die Errichtung eines stadteigenen Elektrizitätswerks war der Beschluss über die Elektrifizierung und Kommunalisierung der Straßenbahnen. Anders als die Gasversorgung war die Stromerzeugung zur Zeit der Kommunalisierung in Wien aber erst wenig entwickelt, da die drei privaten Gesellschaften erst Ende der 1880er, Anfang der 1890er Jahre mit der Erzeugung und Verteilung von Strom begonnen hatten. Neben der Unabhängigkeit von privaten E-Werken in der Betriebsführung der Straßenbahn erwartete sich die Gemeinde von Beginn an auch Gewinne durch die Erzeugung und den Verkauf elektrischer Licht- und Kraftenergie. Diese Hoffnung war angesichts der starken Expansion der Privatgesellschaften in der kurzen Zeit ihrer Existenz durchaus berechtigt. Von 1896 bis 1901 stieg der Stromverbrauch auf das Fünffache (von 8.978 Millionen kWh auf 45.245 Millionen kWh). Somit verhieß die Stromversorgung für die Zukunft große Gewinnchancen. 1899 wurde im Gemeinderat die Aufnahme einer Anleihe „zum Zweck des Baues und Betriebes der städtischen Elektrizitätswerke“ beschlossen. Der Bauvertrag zur Errichtung eines Bahn- und Lichtkraftwerks mit den Österreichischen Schuckertwerken wurde im folgenden Jahr geschlossen. In Betrieb genommen wurde die Zentrale Simmering 1902. Es handelte sich wie bei den privaten Elektrizitätswerken um ein Dampfkraftwerk, der Bau hatte 34 Millionen Kronen gekostet. Zusätzlich wurde die Errichtung von fünf Unterstationen beschlossen. Schon im ersten Jahr ihres Betriebes lieferten die stadteigenen Elektrizitätswerke rund 51,4 Prozent des gesamten Strombedarfs der Stadt inklusive des Traktionsstroms für die Straßenbahn. 1902 begann man auch mit der Einfühmng der elektrischen Beleuchtung durch Gleichstrombogenlampen von 10-12 Ampere Stromverbrauch auf der Ringstraße, der Kärntner Straße, am Kai, Schwarzenbergplatz, Stephansplatz, Graben und Karlsplatz, die durch das Simmeringer Werk versorgt wurden. Der Konkurrenzkampf mit den privaten Gesellschaften wurde umgehend aufgenommen, indem die Gemeinde deren Stromtarife unterbot, was auch die privaten Unternehmen zum Herabsetzen der Preise zwang. Zudem wurde das Netzverlegungsrecht der privaten Firmen restriktiv gehandhabt. Nach schrittweiser Einlösung derselben in den Jahren 1907, 1908 und 1914 hatte die Stadt vor Beginn des Weltkrieges die von ihr angestrebte Monopolstellung erreicht. Wie auch die Gaswerke brachte die kommunale Stromerzeugung dem städtischen Haushalt eine bedeutende Einnahmensteigerung. Während dieses Zeitraums hatten die Straßenbahnen den größten Anteil am Stromverbrauch. Die auf Beleuchtung und Kraftübertragung entfallenden Anteile waren 1913 ungefähr gleich, wobei die Kraftübertragung (Einsatz

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