Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
Eva Offenthaler: Die Elektrizitätsversorgung
182 elektrisch betriebener Maschinen in Gewerbe und Industrie) die stärkste Zunahme, nämlich auf das 13fache, verzeichnete. Der zu Beleuchtungszwecken genutzte Strom entfiel etwa zur Hälfte auf Privatwohnungen. Mehr als zehn Prozent wurden für die Beleuchtung von Verkaufs- und Lagerräumen verbraucht, knapp unter zehn Prozent für die Beleuchtung von Amtsgebäuden, Banken und Kanzleien. Die Gesamtproduktion von Strom stieg in den Jahren 1903-1913 um über 200 Prozent. In dieser Zeit erhöhte sich der Stromverbrauch für die private Beleuchtung etwa um das 2,6fache. 1913 gab es in Wien durchschnittlich 2,1 Lampen pro Wohnung, doch schwankte deren Verteilung stark zwischen den einzelnen Bezirken: Wohnungen in der Innenstadt verfügten im Durchschnitt über 14,8 Lampen, während im 10., 11., 16. und 21. Bezirk zwei von drei Wohnungen noch mit Petroleumlampen beleuchtet wurden. Einen starken Impuls erhielt durch den steigenden Einsatz von Elektrizität die Wiener Industrie. Die Elektrotechnik begann sich zu einem wichtigen Wirtschaftssektor zu entwickeln. Ihre Bedeutung spiegelt sich auch darin wider, dass 1883 eine ordentliche Lehrkanzel für Elektrotechnik, zuvor ein Anhängsel der Physik, an der Technischen Hochschule in Wien geschaffen wurde. Im selben Jahr fand die Gründungsversammlung des Elektrotechnischen Vereins in Wien statt, dessen Protektorat etwas später Kronprinz Rudolf übernahm. Während es in Wien 1875 noch keine größeren Unternehmen im Bereich Elektrotechnik gab, bestanden 1880 in der Branche „Elektromagnetische sowie Gas- und Heißluftmaschinen“ bereits zwei Großbetriebe mit insgesamt 80 Beschäftigten. Erzeugt wurden unter anderem Heißluftmaschinen, Gasmotoren, dynamo-elektrische Maschinen und Transmissionen. Als Geburtsstunde der Wiener Elektroindustrie lässt sich der Beginn der Fertigung von Eisenbahnsicherungsanlagen im Wiener Werk von Siemens & Halske 1879 betrachten. Das mit dem Berliner Siemens & Halske-Werk konkurrierende Unternehmen war diesem in manchen Bereichen sogar überlegen, etwa beim Einsatz elektrisch gesteuerter Weichen und Signalanlagen, der auf dem Wiener Westbahnhof schon 1892 erfolgte. Im Jahr 1890 waren im Bereich Elektrotechnik 2.492 Arbeitskräfte in 17 Großund sieben Mittelbetrieben tätig, weitere 242 im Bereich der elektrischen Beleuchtung und Kraftübertragung. Erzeugt wurden in diesem Jahr 590.000 Meter Kabel, 1.318 Meter Leitungsdrähte für Telefon- und Telegrafenanlagen, 220.000 Glühbirnen, 11.900 Telefon- und 10.400 Telegrafenapparate, 65.000 Eisenbahnsignalanlagen und zahlreiche andere elektrische Motoren und Apparate. Große Nachfrage kam diesbezüglich auch aus dem Ausland, und so wurden beispielsweise Dynamos und Bogenlampen nach Deutschland und Russland, Glühlampen bis nach Südamerika, Afrika, Ostindien und Australien, Kabel und Drähte auch in den Orient exportiert. Neben Siemens und der AEG etablierten sich auch die 1897 von der Länderbank gegründeten Schuckert-Werke auf dem Wiener Markt. Sie hatten