Prag – Wien – Pressburg in der Diplomatie 1920-2005 – Katalog zur Ausstellung

PRAG - WIEN - PRESSBURG IN DER DIPLOMATIE 1920-2005

VORWORT DES AUSSENMINISTERS DER TSCHECHISCHEN REPUBLIK DR. CYRIL SVOBODA Am 2. Juni 1919 bekam die österreichische Delegation im Schloss St. Germaine-en-Laye aus den Händen der Siegermächte die Friedensbedingungen überreicht. Vielfache Aufmerksamkeit lenkte damals der tschechoslowakische Ministerstellvertreter Karel Kramar auf sich, der bei diesem Akt betont den Rücken zu den österreichischen Delegationsmitgliedern wandte. Die Ressentiments waren überaus folgenreich - kaum drei Jahre später saß er in einer Wiener Todeszelle, auf seine Hinrichtung wartend. Auch aus dieser Szenerie, heute lediglich ein paar eingeweihten Historikern bekannt, könnte man folgern, dass die Beziehungen beider junger Republiken, die auf den Ruinen der Habsburgermonarchie entstanden, noch lange im Zeichen der Vergangenheit stehen werden. Sehr schnell sollte sich jedoch zeigen, dass über Donau und Moldau Schritt um Schritt ein anderer Geist aufkam - ein Geist mit Verstand und einem Hang zum politischen Realismus. Schon das nächstfolgende Jahr sollte in dieser Hinsicht eine wichtige Zäsur mit sich bringen. Bereits Anfang Jänner besuchte Kanzler Karl Renner Prag - nur am Rande - ein gebürtiger Südmährer aus Dőlni Dunajovice. Die Tschechoslowakei wurde in dieser schweren Zeit für seinen südlichen Nachbarn zum führenden Kohle- und Lebensmittellieferanten - obwohl es diese selbst nicht ausreichend vorrätig hatte. Die offiziellen Kontakte, bislang mittels Regierungsbevollmächtigten realisiert, wurden in ordentliche diplomatische Bahnen gelenkt-die Botschaften. Im Dezember jenen Jahres setzte sich die tschechoslowakische Diplomatie, unter der Leitung von Eduard Benes, maßgeblich in Genf für eine Aufnahme Österreichs in den Völkerbund ein. Mit dem Abkommen von Lany aus dem Dezember 1921 und dem Genfer Abkommen aus dem September 1922 stellte die Tschechoslowakei Wien beträchtliche Kredite zur Verfügung. Dies alles zu einer Zeit, wo den österreichischen „Staat, den keiner wollte“ (um hier den Titel der bekannten historischen Studie von H. Andics zu zitieren) so manche gar nicht als lebensfähig erachteten - auch wenn schon damals hätte klar sein können, dass sich Lebensfähigkeit nicht von der Fläche eines Landes, vielmehr aber aus dem politischen Willen der Bürger ableitet. An der Prägung der Beziehungen zwischen beiden Ländern waren in der Tat Ausnahmepersönlichkeiten beteiligt - in Wien repräsentierten unter anderem Vlastimil Tusar, Kamil Krofta oder - nach 1945 - Frantisek Borek-Dohalsky die tschechischen Interessen, in Prag vertrat der heute überaus legendäre Dr. Ferdinand Marek die österreichischen Anliegen. Insbesondere für die ältere Generation der Tschechen war Wien selbst lange nach 1918 überhaupt keine „Fremde“. Und bis zu einem gewissen Grad galt dies auch umgekehrt. Denn gerade in der Tschechoslowakei fanden nach dem Februar 1934 hunderte österreichische Exilanten Zuflucht vor dem autoritärem Dollfuss-Regime - ebenso wie, nach dem Februar 1948, dem August 1968, vom post-Charta-Exil gar nicht zu reden, tausende Tschechen und Slowaken Asyl in Österreich fanden. Für viele von ihnen war dies keine Übergangslösung, vielmehr die Zukunft. Ihrem Land blieb - im Gegensatz zu Österreich - für mehr als vier Jahrzehnte die Rückkehr unter die gereiften europäischen Demokratien verwehrt. 5

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