Ausstellungskatalog „Revolution 1848”
Thomas Kletečka: Einleitung zur Ausstellung
Ausstellung 3. März -31. August 1998 Politik der Zentralregierung stand den Absichten Radetzkys diametral entgegen. Er setzte auf die militärische Karte und verlangte immer wieder Truppenverstärkungen, um die Lage auf seine Art und Weise zu bereinigen. Doch das Ausbleiben entscheidender Erfolge auf dem Schlachtfeld ließ die Regierung noch einen Schritt weitergehen. Mitte Juni erwirkte sie die kaiserliche Ermächtigung, Radetzky zur Aufnahme von Waffenstillstands Verhandlung mit Piemont anzuweisen. Das konnte und wollte Radetzky nicht akzeptieren. Statt den erhaltenen Befehl auszu- führen, sandte er Fürst Felix Schwarzenberg, der sich in seinem Hauptquartier befand, zu Kaiser Ferdinand nach Innsbruck, um gegen den ihm erteilten Auftrag zu protestieren und um seinen Standpunkt darzulegen: kein Waffenstillstand bevor eine günstige militärische Lage dazu Anlaß gab. Schwarzenberg war genau der Mann, Radetzkys Ansichten, die sich mit seinen deckten, zu vertreten. In Innsbruck traf der Fürst Wessen- berg, Außenminister und Ministerpräsident, der die Hoffnung auf eine nichtmilitärische Lösung des Problems zusehends schwinden sah. Nachdem der Unterhändler Radetzkys und der Außenminister sich nach Wien begeben hatten, gelang es Schwarzenberg, den Standpunkt Radetzkys durchzusetzen. Das Ministerium, in einer völligen Umkehrung seiner bisherigen Politik, schloß sich schließlich seiner Argumentation an, jegliche Verhandlungen wurden sistiert und Radetzky erhielt die ersehnten Truppenverstärkungen. Mit dieser Entscheidung hatte sich nicht nur Radetzky auf der ganzen Lime durchgesetzt, sondern es wurde hier zweifellos der Weg vorgezeichnet, den die Habsburgermonarchie in der weiteren Folge beschreiten sollte. Nicht die Politik, der Konsens, sondern militärische Mittel, die Gewalt, sollte zunehmend zur Lösung auftretender Probleme herangezogen werden. Die eintreffenden Truppenverstärkungen versetzten den Feldmarschall nach einer Reihe erfolgreicher Militäroperationen in die Lage, am 6.8.1848 in Mailand einzuziehen. Das piemontesische Heer zog sich hinter die ursprüngliche Staatsgrenze zurück, Radetzky schloß am 9.8.1848 mit Karl Albert einen zunächst auf sechs Wochen begrenzten Waffenstillstand ab und Schwarzenberg wurde mit der Leitung der ins Auge gefaßten Friedensverhandlungen mit Piemont betraut. Hatte die italienische Frage die Habsburgermonarchie vor ein großes Problem gestellt, so wurde sie durch die Entwicklung in Deutschland mit einem noch größeren konfrontiert. Bereits Anfang März war in Heidelberg eine - allerdings jeder Legitimität entbehrende - Versammlung zusammengetreten, die eine deutsche Nationalversammlung forderte, und zu diesem Zweck ein deutsches Vorparlament nach Frankfurt einberief, das die Wahlen hiezu vorbereiten sollte Der Deutsche Bundestag, der bis dahin als Hort der Reaktion gegolten hatte und nur den Status quo zu erhalten suchte, begann unter dem Druck der Ereignisse ungeahnte Aktivitäten zu entwickeln, die Anfang April in dem Beschluß gipfelten, adle deutschen Regierungen zu ersuchen, Wahlen zu einer verfassungsgebenden deutschen Versammlung durchzu- führen. Für das multinationale Österreich bedeutete das Aufkommen der deutschnationalen Einheitsbestrebungen eine Existenzfrage. Zwar hatten sich auf der Heidelberger Versammlung nur zwei Vertreter Österreichs eingefunden, doch die Beschlüsse des Bundestages, der sich als das gesetzliche Organ der nationalen und politischen Einheit Deutschlands definiert hatte, konnten nicht ohne weiters negiert werden. Die österreichische Regierung war sich der politischen Sprengkraft der Entwicklung durchaus bewußt, dennoch sah sie sich gezwungen, diese Entwicklung mitzutragen, “da für Österreich jetzt nur im Anschlüsse an Deutschland eine Rettung gegen die Separationsideen der Provinzen hege”. Mit Unbehagen, und nur in Hinblick darauf, daß Preußen sich den Bundestagsbeschlüssen gebeugt hatte, ließ sie die Wahlen zum Frankfurter Parlament unter den gegebenen Bedingungen durchführen. Die österreichische Regierung nahm dies zugleich zum Anlaß, seine grundsätzliche Haltung zu den deutschen Reformbestrebungen, zur „Wiedergeburt Deutschlands“, festzulegen. Zu der Kernfrage, ob nämlich Deutschland in Zukunft ein Bundesstaat oder ein Staatenbund sem sollte, erklärte es bestimmt, Österreich könnte nie „ein gänzliches Aufgeben der Sonderinteressen seiner verschiedenen, zum Deutschen Bund gehörigen Gebietsteile, eine unbedingte Unterordnung unter die deutsche Bundesversammlung, einen Verzicht auf die Selbständigkeit der inneren Verwaltung mit seiner be-