Ausstellungskatalog „Revolution 1848”

Thomas Kletečka: Einleitung zur Ausstellung

Ausstellung 3. März - 31. August 1998 sagebrief Palacky’s nach Frankfurt, in dem er die Teilnahme als Tscheche an emer deutschen Volksversammlung ablehnte. Als schließlich die österreichische Regierung die Wahlen zum Frank­furter Parlament auch in Böhmen ausschrieb, wurden diese vom tschechischen Teil der Bevöl­kerung fast ausnahmslos boykottiert, was wieder­um zu Spannungen mit ihren deutschen Kopatrioten führte. Diese tschechischen nationa­len Emanzipationsbestrebungen hatten auch ei­nen großen Einfluß auf ihre zukünftige Stellung im konstituierenden Reichstag. Da die Tschechen ihr Heil nur in einem stabilen österreichischen Gesamtstaat sahen und die hauptsächlich deut­sche Linke einen Anschluß an Deutschland forder­te, schlossen sich die tschechischen Abgeordne­ten überwiegend der rechten Fraktion des Wie­ner Parlaments an. Eine Unterstützung ihrer national-politischen Aspi­rationen hatten sich die Tschechen auch von dem Anfang Juni nach Prag einberufenen Slawenkogreß erhofft, dem die Absicht zugrunde lag, durch ein Bündnis in der neuen Ära den slawischen Völkern em größeres politisches Gewicht zu verleihen. Doch diese Hoffnung sollte sich nur zum sehr geringen Teil erfüllen. Denn die Berufung Windischgrätz’ nach Prag, die als eine Machtdemonstration der reaktionären Kräfte aufgefaßt wurde, rief unter den fortschrittlichen und radikalen Teilen der Bevölke­rung eine negative Reaktion hervor, die rasch es­kalierte. Am 12.6.1848, dem Pfingstmontag, kam es zu Reibereien zwischen der Prager Bevölkerung und dem Militär, die zum Bamkadenbau und zur Geiselnahme Thuns führten. Das Wiener Kabinett entsandte bereits am nächsten Tag eine Regierungs­kommission, die die unklare Lage sondieren und, wenn möglich, vermittelnd eingreifen sollte. Doch nachdem Thun seine Freiheit wiedererlangt hatte, begann Windischgrätz nach eigenem Gutdünken zu handeln: er gebrauchte seine überlegene Militär­kraft und begann die Stadt mit Artillerie zu be­schießen, Am 18.6.1848 kapitulierten die Aufstän­dischen Damit hatte Windischgrätz den Minister­rat, der eme gewaltlose Bereinigung der Situation angestrebt hatte, vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Niederschlagung des Prager Pfingstaufstandes bedeutete zugleich das Ende der tschechischen ra­dikalen revolutionären Bewegung. Sie bedeutete zu­gleich aber auch, daß die Reaktion in Windischgrätz einen Mann gefunden hatte, der willens und auch fähig war, entschieden gegen die Revolution auf­zutreten. Das bewies der Fürst, auch nachdem die akute Gefahr vorüber war. Im Gegensatz zur öster­reichischen Regierung, die nach der Resignation Piliersdorfs einen zusehends liberaleren Kurs steu­erte und diesen auch m Böhmen zur Anwendung bringen wollte, war Schwarzenberg bemüht, die einmal erworbene Machtstellung zu behaupten, und fugte sich nur äußerst widerwillig den Anord­nungen des Wiener Kabinetts. Für die nationale Politik der Tschechen war das blutige Ende der Prager Volkserhebung überdies ein Grund mehr, ihre diesbezüglichen Anliegen im Wege des Ein­vernehmens mit der Staatsmacht zu suchen und die föderativ gesinnte Rechte des Wiener Reichs­tages zu unterstützen. Am stärksten wirkte sich die nationale Komponente der Revolution von 1848 in den italienischen Pro­vinzen des Habsburgerstaates aus. Der vom über­wiegenden Teil der Bevölkerung getragene Auf­stand in Lombardo-Venetien verfolgte das Ziel, dieses Königreich aus dem Verband des österrei­chischen Kaiserstaates herauszulösen. Der - übri­gens ohne vorherige Kriegserklärung erfolgte - Einmarsch piemontesischer Truppen verlieh der na­tional-politischen Bewegung in Oberitalien eme neue Dimension, die sie zu einer Angelegenheit von gesamteuropäischer Bedeutung machte. Durch die Entwicklung der militärischen Lage - sprich: Rück­zug Radetzkys - sah sich die Wiener Zentralregie- rung veranlaßt, eine politische Lösung des Pro­blems zu suchen. Franz Graf Hartig, em Kenner der italienischen Verhältnisse, wurde als Hof­kommissär zur Befriedung des Landes entsandt. Die ihm mitgegebenen Instruktionen widerspiegel­ten die von österreichischer Seite eingenommene Haltung m diesem Fall. Die Palette der akzeptabel erscheinenden Lösungen reichte von der Zusage längst fälliger Reformen bis zu emer weitgehen­den Trennung des lombardo-veneziamschen Kö­nigreichs von der Habsburgermonarchie Auf dem außenpolitischen Gebiet versuchte die österreichi­sche Regierung einen Konsens mit Frankreich und England in dieser Frage zu erzielen. Obwohl sich die Gefahr emer direkten Einmischung Frankreichs als nicht akut erwies, konnte mit England über die zukünftige Gestaltung der oberitalienischen Ver­hältnisse keine Einigung erreicht werden. Diese ©

Next

/
Thumbnails
Contents