Ausstellungskatalog „Revolution 1848”

Thomas Kletečka: Einleitung zur Ausstellung

Ausstellung 3. März -31. August 1998 Mit dem auf Anraten der Regierung am 16.5.1848 erlassenen Patent versprach der Kaiser, den vor­gebrachten Änderungswünschen zu entsprechen. Eine neue, vom 30.5.1848 datierende Wahlordnung sah nur mehr eine allgemein gewählte Reichstags- kammer und das Wahlrecht für Arbeiter mit Aus­nahme von Dienstboten und von der öffentlichen Fürsorge Abhängigen vor. Überdies gestand die Re­gierung dem Parlament das Recht zu, die Verfas­sung vom 25.4.1848 einer Revision zu unterzie­hen. Mit diesen Zugeständnissen war die konser­vativ-liberale Tendenz der vorliegenden Konstitu­tion, nämlich die Einschränkung der demokrati­schen Kontrolle der Bürger bei der Ausübung der Regierungsgewalt durch Hereinnahme ständisch- feudaler Elemente in die Verfassung, zunichte ge­macht worden Sie waren zudem ein klares Zei­chen für die Radikalisierung der Revolutions­bewegung und die stärker m den Vordergrund tre­tende soziale Frage. Der nach der neuen Wahlordnung Zusammengesetze Reichstag, der in der eigens zu diesem Zweck um­gebauten k.k Winterreitschule seine Sitzungen ab­halten sollte, wurde am 22.7.1848 von Erzherzog Johann feierlich eröffnet. Entgegen der ursprüng­lichen Absicht der Regierung stand dem Parlament nun das Recht zu, eine neue, für alle außer­ungarischen Länder der Habsburgermonarchie gel­tende Verfassung auszuarbeiten. Neben dieser Aufgabe war es das vordringlichste Anliegen der Volksvertreter, die endgültige Befreiung der Bau­ern durchzuführen, also verbindliche Richtlinien zur Grundentlastung aufzustellen. Dies war die wichtigste sozio-ökonomische Forderung der re­volutionären Bewegung von Anfang an gewesen. Mehrere - erweiterte - Landtage der einzelnen Kronländer hatten sich bereits mit dieser Frage be­schäftigt und auch individuelle Vorschläge ausge­arbeitet. Da aber eine einheitliche Lösung fehlte, befaßte sich das Reichstagsplenum zunächst mit dieser Materie Auf Grundlage der von Hans Kudlich eingebrachten Anträge beschloß der Reichstag in relativ kurzer Zeit ein Operat über die Aufhebung der Untertänigkeit und die Grund- entlastung, das mit kaiserlichen Patent von 7.9.1848 Gesetzeskraft erlangte. Dieses Gesetz sollte allerdings die einzige, wenngleich für die Mo­dernisierung der Gesellschaft ungemein wichtige Leistung des Reichstages bleiben Alle anderen Fragen, vor allem die der Verfassung, wurden an Ausschüsse verwiesen und das Parlaments­plenum beschäftigte sich mit der eigenen Ge­schäftsordnung. Nach vorangegangenen sozialen Unruhen im August und September eskalierte die Lage in Wien, als sich am 6. Oktober hier stationierte Truppen wei­gerten, gegen die ungarische "Rebellion” ins Feld zu ziehen. Der dadurch verursachte Aufruhr griff rasch um sich. Im Verlauf des Tages wurde der Kriegsminister, der als Exponent der Reaktion in der Regierung galt, von der radikalisierten Menge gefaßt und gelyncht. Der Kaiser und sein Hof ta­ten, was ihnen schon einmal - im Mai - geboten schien: sie flüchteten aus Wien, diesmal nach Olmütz. Der Reichstag, in dem allerdings die mei­sten gemäßigten und rechten Abgeordneten nicht mehr erschienen waren, erklärte sich in Permanenz. Und nachdem bis auf Krauß alle Minister Wien ebenfalls verlassen hatten, betraute der dezimierte Reichstag, in dem nun die radikale Linke eindeu­tig dominierte, einen Sicherheitsausschuß mit der Ausübung der Exekutivgewalt. Zwar bemühte sich Wessenberg, der dem Kaiser in sein Exil gefolgt war, um Vermittlung zwischen der Krone und den Wiener Aufständischen, doch die Würfel waren bereits gefallen. Windischgrätz, der bereits am 11.10,1848 seine Bereitschaft zur gewaltsamen Unterdrückung der Wiener Oktoberrevolution er­klärt hatte, wurde der Oberbefehl über die loyalen österreichischen Truppen übertragen. Und der Fürst zögerte nicht lange. Nach der Verhängung des Belagerungszustandes über Wien und nach der Ablehnung seines Ultimatums seitens der Revolu­tionäre, setzte er am 26.10.1848 zum Sturm auf die Stadt an. Am 31.10.1848 war der Kampf vor­über. Windischgrätz hatte auf seinem Marsch gegen Wien in Olmütz, dem kaiserlichen Hoflager, Station ge­macht. Dahin hatte ihn auch sein Schwager Fürst Felix Schwarzenberg begleitet. Dieser wurde, da das Versagen der bisherigen Regierung offensicht­lich war und die Reaktion sich stark genug fühlte, eine in ihrem Sinne ausgerichtete Politik in die Tat umzusetzen, von Ferdinand provisorisch zum Mi­nisterpräsidenten und Außenminister ernannt und mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Inzwischen aber, so der Wunsch Schwarzenbergs, sollten die beiden verbliebenen Minister, Wessen­©

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