Ausstellungskatalog „Revolution 1848”

Thomas Kletečka: Einleitung zur Ausstellung

Ausstellung 3. März - 31. August 1998 berg und Krauß, ihrer Amtsgeschäfte noch nicht offiziell enthoben werden. Dieses Provisorium dau­erte bis zum 21.11.1848, an dem die Regierung Schwarzenberg ernannt wurde. Neben der politischen und der sozio-ökonomischen hatte die Revolution von 1848 auch eme nationale Dimension, die zunehmend an Aktualität gewann. So gehörte die “polnische Frage” zu den vielen unge­lösten Problemen der vormärzlichen Ára. In Gali­zien, der größten und ärmsten Provinz der öster­reichischen Monarchie, hatte sich das wirtschaft­liche und soziale Gefüge des feudalen Systems am ausgeprägtesten erhalten. Dem grundbesitzenden - polnischen - Adel stand eine arme, an Grund und Boden gebundene Bauernschaft gegenüber, die sich überdies zum größeren Teil aus der ruthenischen (ukrainischen) Bevölkerung zusammensetzte Eine dünne bürgerliche Schicht hatte sich nur in den Städten gebildet. Der überwiegend konservative Adel hatte zwar die Idee der Wiedererrichtung ei­nes unabhängigen polnischen Staates nicht gänz­lich aufgegeben, doch vorläufig - zumal nach dem gescheiterten polnischen Aufstand von 1831 - als unter den konkreten politischen Bedingungen in Europa für unrealistisch erklärt. Ein Teil dieses Adels versuchte mit dem allerdings schwach ent­wickelten Bürgertum statt dessen die nationale Fra­ge mit sozialen Reformen zu verbmden, um so der Sache des Polentums zu dienen. Die Nachrichten über die Wiener Märzrevolution, die Lemberg am 18.3.1848 erreicht hatten, wirkten auf die polni­sche Nationalbewegung wie ein Lebenselixier. Noch am selben Tag wurde eine Adresse an den Kaiser verfaßt, die das national-liberale Programm der Polen in Galizien widerspiegelte. Unter ande­rem wurde eine selbständige Provinzialverwaltung, die Einführung der polnischen Sprache in Verwal­tung und Justiz und die vollständige Aufhebung der Robot gefordert. Die Delegation, die diese Adresse nach Wien überbrachte, erweiterte hier ihre Forderungen um einen wesentlichen Punkt - die Wiederherstellung eines polnischen Staates. Die Be­antwortung der Adresse wurde aber sowohl von der Regierung als auch von Stadion, dem galizischen Gouverneur, verzögert und wurde erst in der zweiten Hälfte Mai negativ erledigt. Die Ent­wicklung in Galizien gab inzwischen Stadion An­laß zur Besorgnis. Die polnische Nationalbewegung gewann zusehends Anhang und betrieb erfolgreich Propaganda, die den österreichischen Interessen diametral entgegen stand Bereits am 21.3.1848 hatte sich in Lemberg die polnische Rada narodow a (Nationalrat) gebildet, die sich zum zentralen Organisationspunkt der nationalen Agitation ent­wickelte. Wie stark ihr Einfluß mittlerweilen ge­worden war, zeigte sich bei dem von Stadion auf den 26.4.1848 einberufenen galizischen ständischen Landtag. Zwar traten dessen Mitglieder zu einer vorberatenden Sitzung zusammen, erklärten aber zugleich, seine Funktion unter den gegebenen Umständen nicht mehr ausüben zu können und sei­nen Anschluß an den Nationalrat. Dem versuchte der galizische Gouverneur gegenzusteuem. Dabei nutzte er geschickt die vorhandenen sozialen Ge­gensätze aus. So unterstützte er die Bildung von Nationalgarden auf dem Land, untersagte diese jedoch in den Städten, wo die national-polnische Bewegung ihren stärksten Rückhalt hatte. Sein klügster Schachzug war aber zweifellos die Auf­hebung der Robot in Galizien Sie sollte aber, und das war der springende Punkt, nicht auf freiwilli­ger Basis erfolgen, wozu Teile des grundbesitz­enden Adels ja bereit waren, sondern auf dem Weg einer kaiserlichen Verordnung geschehen. Denn damit, so kalkulierte Stadion, würde die galizische Bauernschaft enger an den Kaiser, also an Öster­reich, gebunden und gleichzeitig der national-pol­nischen Bewegung die breite Basis entzogen wer­den. Nachdem er eine sehr pessimistische Schilde­rung der gegenwärtigen politischen Situation in Ga­lizien dem österreichischen Ministerrat übermittelt hatte, entschloß sich dieser, den Gouverneur prin­zipiell zur Aufhebung aller untertänigen Leistun­gen in seiner Provinz zu ermächtigen. Sofort nach Erhalt dieser Ermächtigung, ohne detaillierte An­weisungen abzuwarten, verkündete Stadion, daß die Robot mit 15.5.1848 aufgelassen würde. In­zwischen hatte aber die Regierung einen Entwurf ausgearbeitet, der eme stufenweise Aufhebung der Untertansleistungen in Galizien vorsah. Um den Landesgouvemeur nicht zu desavouieren, sah sie sich gezwungen, diesen nach dem durch Stadion geschaffenen fait accompli abzuändem. Die polnischen nationalen Bestrebungen erführen aber nicht nur durch dieses Lehrstück der politischen Taktik einen Rückschlag. In Krakau hatte die na­tional-revolutionäre Begeisterung derart hohe Wel­len geschlagen und die Zivilverwaltung so völlig

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