Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“

Iskra Schwarcz: Die Flucht des Thronfolgers Aleksej

1711 heiratete Aleksej die Tochter des Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel und der Herzogin Christine Louise, Charlotte Christine Sophie (1694-1715). Die Hochzeit fand in Torgau, im Schloss Hartenfels, unter Anwesenheit des Zaren statt. Die ältere Schwester der Braut, Elisabeth Christine, war mit dem letzten Habsburger und späteren Kaiser Karl VI. verheiratet, der somit zum Schwager von Aleksej wurde. Nach der Hochzeit lebten die beiden ein halbes Jahr in Polen, wo Aleksej beauftragt wurde sich um die Versorgung der russischen Truppen zu kümmern. 1712 sandte Peter I. seinen Sohn nach Pommern und der Prinzessin befahl er nach Russland zu reisen. Erst 1713 kam Charlotte nach St. Petersburg, wo ihr Gemahl bereits eingetroffen war. Am 12./23. Juli 1714 gebar Charlotte eine Tochter, Natalie, am 12./23. Oktober kam der Sohn Peter zur Welt. Einige Tage später (am 9. November 1715), erblickter ein weiterer Sohn das Licht der Welt, nämlich das Kind des Zaren und Katharinas I. Auch er erhielt den Namen Peter - Peter Petrovic. Die Kronprinzessin Charlotte starb, geschwächt von der schwerer Geburt des Sohnes, am 22. Oktober 1715/ 2. November 1715 und kurz nach Charlottes Tod, am 27. Oktober / 5. November 1715, dem Tag der Bestattung der Prinzessin, übergab der Zar seinem Sohn ein langes Schreiben mit seinen Gedanken zur Nachfolgefrage und verlangte von Aleksej seine Natur zu ändern: „Ich bin ein Mensch und dem Tode unterworfen. Wem soll ich mein Werk hinterlassen, wer soll vollenden, was ich zurückgewonnen habe?“7 8 Ohne lang zu zögern antwortete der Thronfolger bereits nach drei Tagen, mit der Bitte, ihn wegen „seiner Untauglichkeit der Thronfolge zu entkleiden“.8 Differenzen und unüberbrückbare Gegensätze trennten den Sohn und Vater wie zwei Welten und an eine Aussöhnung war kaum noch zu denken. Erst im Jänner 1716, schrieb Peter L, nach einer schweren Krankheit, einen zweiten Brief an seinem Sohn, voll mit Sorgen und Drohungen und stellte ihm ein Ultimatum: „Ändere deinen Charakter..., oder werde Mönch“.9 10 Aleksej antwortete sofort und teilte seinem Vater mit, dass er bereit sei, die Mönchskutte anzuziehen und bat um die gnädige Erlaubnis dafür. Er unterschrieb den Brief als der „untaugliche Sohn“.'9 Der Zar war inmitten der Vorbereitungen für eine Reise nach dem Westen und bat seinen Sohn, sich diesen Entschluss noch einmal zu überlegen. Bald darauf reiste er nach Deutschland und Dänemark. Während der mehrmonatigen Bedenkzeit setzte Aleksej das Gesagte nicht um, was darauf hindeutet, dass an der Ehrlichkeit seiner Absicht gezweifelt werden muss. Schließlich wandte sich der Zar am 26. August /6. September 1716 noch einmal schriftlich an ihn und ver­langte eine sofortige Entscheidung — entweder sich der Thronfolge würdig zu erweisen, zu ihm nach Kopenhagen zu reisen und an den Kriegshandlungen teilzunehmen oder seinen Klostereintritt zu melden. Der Kurier, der den Brief überbrachte, sollte die Antwort mitnehmen.11 Wie schon gesagt, Aleksej war nicht bereit ins Kloster zu gehen, jedoch hatte er nicht viele Alternativen. Am 26. September / 7. Oktober brach der Thronfolger aus St. Petersburg nach Riga auf, unter dem Vorwand sei­nen Vater besuchen zu wollen. Da die Reise sehr rasch angetreten wurde, ist anzunehmen, dass sie seit länge­rem von Aleksej geplant war.12 Er reiste inkognito als russischer Offizier unter dem Namen Kochanovskij, in Begleitung der als Page verkleideten Jevrosinija, seiner Geliebten und deren Bruder. In der Nähe von Libau traf die Gesellschaft auf Aleksejs Tante, Marija Aleksejevna, die aus Karlsbad zurückkehrte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Danzig verliert sich die Spuren des Thronfolgers. Er erschien nicht bei seinem Vater. Nach mehre­ren Wochen Ungewissheit musste der Zar über das Verbleiben seines Sohnes Nachforschungen anstellen lassen.13 14 Am 10/21. November 1716 erreichte Aleksej die Kaiserstadt Wien und wurde sogar spät am Abend noch bei Reichsvizekanzler Graf Friedrich Karl von Schönborn vorgelassen. Eine detaillierte Beschreibung dieser Ereignisse findet sich in den Akten des HHStA. Der Zarewitsch war sehr aufgeregt: „so voller angst und athem, daß er auff einen Seßel niederfiele, schreyend: führed mich zum Kayßer“u Er beschuldigte die Zarin und Mensikov, dass sie seinen Tod sehen wollten: „seit deme die neue Czarin vor handeln und eine Sohn habe, diese mit dem Fürst Menschikof erzürnten den Vater gegen ihn beständig, seyen von der grösten Boßheit, ohne Gott und ohne gewis­Zitiert nach Neumann-Hoditz, Peter der Große (wieAnm. 6), S. 95. Der Brief des Zaren war rückdatiert mit dem Datum 11. Oktober 1715. 8 Reinhard Wittram, Peter I. Czar und Kaiser: Zur Geschichte Peters des Großen in seiner Zeit. Bd. 2. Göttingen 1964, S. 367. 9 Wittram, Peter I. (wieAnm. 8), S. 368. 10 Wittram, Peter I. (wieAnm. 8), S. 369. 11 Eobald Toze, Don Carlos und Alexej, Luines und Buckingham, ein Versuch in verglichenen Lebensbeschreibungen. Greifswald 1776, S. 62. Vgl.: Wittram, Peter I. (wieAnm. 8), S. 370. 12 Wittram, Peter I. (wie Anm. 8), S. 370. 13 Schreiben Peters I. an den russischen Residenten in Wien A. Veselovskij mit dem Auftrag den Thronfolger Aleksej zu suchen. 20./31. Dezember 1716, RGADA, Fond 6, d.20, Bl. 3. 14 ÖStA, HHStA, PA, Russland I, Karton 24, Konvolut II, Fol. 3V. 8

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