Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Iskra Schwarcz: Die Flucht des Thronfolgers Aleksej
ßen... wollten die Czarin und Menschikof ihn tod oder inß Closter...“'5 Der junge Mann ließ sich nur schwer beruhigen, konnte aber dazu gebracht werden, bis zum nächsten Tag zu warten. Der Wiener Hof stand vor einem Dilemma — es war eine sehr heikle und schwerwiegende Angelegenheit, die sich zu einem internationalen Skandal entwickeln könnte. Anderseits konnte Karl VI. dem Zarewitsch seinen Schutz nicht verweigern. Am nächsten Tage, auf Anraten der geheimen Ministerkonferenz, verfügte der Kaiser den Aufenthalt des russischen Thronfolgers geheim zu halten, abzuwarten und heimlich zu versuchen, sich auf diplomatischem Wege der Unterstützung Englands für den Notfall zu versichern. Aleksej wurde zuerst auf den Gutbesitz des Reichsvizekanzlers Schönborn, Weyerburg bei Hollabrunn in Niederösterreich, gebracht. Von dort reiste er in aller Heimlichkeit am 7. Dezember im Begleitung von Efrosinija weiter nach Melk, Salzburg und Tirol, wo er auf dem Bergschloss Ehrenberg in Tirol, bei der Ehrenberger Klause, am 15. Dezember 1716 eintraf und bis Mai 1717 verblieb. Der Zar setzte alle Hebel in Bewegung Aleksej zu finden und, da die Regierung in Wien schwieg, es gelang ihm erst im Frühjahr Aleksejs Aufenthaltsort ausfindig zu machen.15 16 Zu dieser Zeit wurde Aleksej aus Tirol in das Kastell St. Elmo bei Neapel gebracht. Peter I. erfuhr durch seinen Diplomaten Aleksandr Rumjancev und dem Geheimrat und Hauptmann der Leibwache Graf Peter Tolstoj, einem Ahnherrn des Schriftstellers Leo Tolstoj, den neuen Aufenthalt des Thronfolgers und verlangte vom Kaiser dessen Auslieferung. Die beiden Gesandten erhielten die Erlaubnis nach Neapel zu reisen und Aleksej zur Rückkehr zu bewegen. Eobald Toze liefert uns eine lebhafte Beschreibung: „Aleksej befand sich in einer schrecklichen Verlegenheit wegen der Partei die er ergreifen sollte: und da er von Natur furchtsam und unentschlossen war; so war er es jetzt mehr als jemals.“'7 Er erklärte sich unter Bedingungen zur Rückkehr bereit, und meldete dieses seinem Vater in einem, im Oktober 1717 aus Neapel gesendeten Brief.18 Ende Jänner 1718 traf „der verlorene Sohn“ in Moskau ein und es schien sich alles für ihn zum Guten zu wenden. Der Vater war froh ihn zu sehen. Drei Tage später musste er im Großen Audienzsaal des Kremls auf die Thronfolge verzichten und zum neuen Erben des Thrones wurde der zweijährige Sohn Katharinas I., Peter Petrovic, erklärt.19 Kurz danach wurde Aleksej festgenommen, gefoltert und vor Gericht gestellt. Der Zar witterte überall Verrat und Mitte März fanden die ersten Hinrichtungen statt. Zu den Opfern gehörten weltliche und geistliche Ratgeber Aleksejs, wie sein Beichtvater und der Bischof von Rostov, aber auch Aleksejs Mutter und ihre Verwandtschaft.20 Ein speziell zu diesem Zweck gegründeter riesiger Oberster Gerichtshof aus 126 Mitgliedern fällte einstimmig das Todesurteil über den Sohn.21 22 Noch bevor Peter I. das Urteil bestätigte, starb Aleksej am 26. Juni / 5. Juli 1718 an den Folgen der Folter und wurde in der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg an der Seite seiner Frau beigesetzt. Laut Brückner schrieb der holländische Resident am russischen Hof in St. Petersburg, De Vie, am 30. Juni 1718 in einem Bericht an die Generalstaaten, dass „Peter vor dem Tode Aleksej acht Tage hintereinander täglich auf den Knien gelegen und unter heißen Tränen Gott angefleht habe ihm solche Gedanken einzugeben, welche einerseits seiner Ehre, anderseits dem Wohl des Volkes und Landes entsprechen könnten.“11 Der kaiserliche Diplomat Otto Anton Pleyer berichtete am 7./18. Juli nach Wien: „es sei ein Manifest in mehreren Exemplaren gedruckt worden, worin das Verbrechen des Prinzen und seiner Anhänger bekannt gemacht werde; in welchem Grade man aber,perplex' sei und nicht wisse, wie man der Sache einen guten Schein geben solle... “23 24 Wie schon Brückner treffend bemerkt: „Nicht in der Persönlichkeit Aleksejs lag eine Gefahr für den Zaren, sondern in dessen Namen und in dessen Stellung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Aleksej bei seiner Rückkehr nach Russland wirklich daran dachte nur als Privatmann zu leben: aber solche Anwandlungen von Scheu vor der Mühe und Sorge der Politik hatte er schon früher gehabt und war dann doch hintendrein als Prätendent aufgetreten.“1'' Das Dilemma des Zaren war entweder das „Schicksal des Sohnes oder das Schicksal des Landes zu bestimmen“ und er hat die Wahl getroffen.25 15 ÖStA, HHStA, PA, Russland I, Karton 24, Konvolut II, Fol. 4". 16 Neumann-Hoditz, Peter der Große (wie Anm. 6), S. 101. 17 Toze, Don Carlos (wie Anm. 11), S. 67. 18 Brief Aleksejs an den Zaren. Oktober 1717, Neapel. In: RGADA, Fond 6, Op. 1, d. 19, Bl. 31. 19 Manifest des Zaren. 3. Februar 1718, Moskau. In: RGADA, Fond 248, d. 125, Bl. 252. 20 Neumann-Hoditz, Peter der Große, S. 102. 21 RGADA, Fond 6, d. 33, cast1 3, Bl. 171-174. 22 Brückner, Zarewitsch (wie Anm. 1), S. 234. 23 Brückner, Zarewitsch (wie Anm. 1), S. 234. 24 Brückner, Zarewitsch (wie Anm. 1), S. 238. 25 Vgl. Pavlenko, Petr Velikij (wie Anm. 2), S. 409 f. 9