Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Iskra Schwarcz: Die Flucht des Thronfolgers Aleksej
DIE FLUCHT DES THRONFOLGERS ALEKSEJ ISKRA SCHWARCZ Die Ausstellung widmet sich der Aufarbeitung der wichtigen historischen Ereignisse in den Beziehungen zwischen Österreich und Russland am Anfang des 18. Jahrhunderts und vor allem der Flucht des Thronfolgers Aleksej und den politischen Auswirkungen, die dieses Ereignis hatte. Die Persönlichkeit des Thronfolgers Aleksej Petrovic, sein Leben und sein tragisches Schicksal dienen in der Geschichtsschreibung überwiegend als Instrument zur Darstellung der Person seines Vaters — Peters des Großen. Es fand sich kaum ein Historiker, der dem unglücklichen Leben des Thronfolgers um seiner selbst willen auf der Spur war. Ging es etwa darum Peters starken Willen und Charakter zu unterstreichen, wurde sein Sohn als faul, schwach, unentschlossen, und wenig intelligent dargestellt. Stand aber Peters Gewalt im Vordergrund, erschien Aleksej rasch als junger Mann mit allen notwendigen Herrscherattributen, als Hoffnung der Unzufriedenen und als Mittelpunkt einer breitgefächerten Opposition. So bemerkte schon Aleksander Brückner in seinem Buch „Zarewitsch Alexej“, dass die Beschreibung und die Eigenschaften des Charakters des Thronfolgers nach dessen Tod je nach „Zweck“ sich verbesserten oder verschlechterten.1 Auch die neue Publikation des russischen Historikers Nikolaj Pavlenko folgt dieser Tradition und versucht das Dilemma des russischen Zaren, dessen Motive und seine Handlungen zu rechtfertigen.2 Diese tragische Geschichte war so aufregend und brisant, dass es kein Wunder ist, dass die Belletristik und die Kunst bis heute noch immer wieder „mit einer gewissen Vorliebe“ auf das Geschehen um den unglücklichen „Zarewitsch Aleksej“ zurückgreifen.3 „Abgesehen von der menschlichen Tragik ist dieser Konflikt zumindest in seinem Ergebnis von eminenter geschichtlicher Wichtigkeit geworden. Es ging dabei keineswegs nur um einen Streit zwischen Vater und Sohn, um die schmerzliche Begegnung zweier völlig verschiedener Naturen und den ... Triumph des starken Charakters über den schwachen“ — betont Hans von Rimscha — „es ging auch nicht nur um die Thronfolge.‘4 Die entscheidende Frage war die Zukunft des Reiches und die Erhaltung und die Fortsetzung des gesamten Werkes Peters. Dieses Drama war gleichzeitig ein Wettlauf mit der Zeit, d.h. mit dem Tod. Es ist damit nicht der Tod Aleksejs gemeint, sondern der mögliche Tod des Zaren.5 Hier, in einem kurzen Überblick, die Lebensdaten des Thronfolgers: Zar Peter der Große ehelichte am 27. Januar / 6. Februar 1689 die Fürstin Evdokija Lopuchina und am 18./28. Februar 1690 kam der Thronfolger Aleksej in Moskau zur Welt. Er sollte jahrelang der einzige Sohn des Zaren sein. Das Verhältnis der Eltern zueinander war äußerst schwierig und gespannt und bald wandte sich der Zar von seiner Frau ab. Die ersten Lebensjahre verbrachte Aleksej ausschließlich bei seiner Mutter und deren Verwandten. 1698 ließ der Zar Evdokija Lopuchina in einem Kloster zu Suzdal inhaftieren und sie durfte ihren Sohn nicht mehr sehen. Die Erziehung übernahm die Schwester Peters L, Natal’ja Alekseevna, und später der Vertraute des Zaren, Aleksandr Mensikov. Eine wichtige Rolle bei der Erziehung spielte auch der Beichtvater des Thronfolgers, Jakov Ignat ev. In den folgenden Jahren gestaltete sich das Verhältnis zwischen Vater und Sohn äußerst schwierig. Der dominierenden und starken Art des Vaters stand die empfindliche und sensible Natur des Sohnes gegenüber und diese führte zur Entfremdung zwischen den beiden. Es kam so weit, dass Aleksej in rasender Angst vor dem Vater sich durch einen Schuss absichtlich an der Hand verletzte, um einer Prüfung durch ihn zu entgehen.6 Um 1702 begann eine westlich orientierte Erziehung des Thronfolgers durch den Deutschen Martin Neugebauer, als sein Nachfolger wurde dann Baron Heinrich von Huyssen (1666—1739) aus Essen nach Russland geholt. Nach Huyssen’s Plänen sollte Aleksej vor allem Französisch lernen, ferner Geschichte und Geographie als Grundlage für die Politik. 1705 wurde Huyssen als Gesandter und Vertrauter Peters I. an der Wiener Hof geschickt und die Ausbildung Aleksejs wurde vernachlässigt. Erst nach dem Sieg von Poltava (1709) beschloss der Zar die Erziehung des Sohnes wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Der 19-jährige Thronfolger sollte nun in Dresden studieren, um sowohl seine sprachlichen als auch naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu verbessern. 1 Aleksander Brückner, Der Zarewitsch Alexei (1690-1718). Heidelberg 1880, S. 2 f. 2 Nikolaj Pavlenko, Carevic Aleksej. Moskva 2008, S. 7 f. 3 Brückner, Zarewitsch (wie Anm. 1), S. 2. 4 Hans von Rimscha, Geschichte Russlands. 2. Auflage, Darmstadt 1970, S. 315. 5 Rimscha, Geschichte Russlands (wie Anm. 4), S. 315. 6 Reinhold Neumann-Hoditz, Peter der Große. Hamburg 1983, S. 96. 7