Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“

Ernst Petritsch: Bericht über den Aufenthalt des Zarewitsch Alexej in den habsburgischen Ländern 1716-1718

[fol. llr] zu Tod strappaziret oder getrunckhen oder vergiftet zu werden, Item wegen des Czars bluth-durstig und grausamkeit, daß solche der umbständen der Personen und discreter Ursachen halber dahir anzuführen ohnnöthig will geachtet werden, des Vatters Zorn und ungnad hat er auf die grausambe, in niederträchtigen Sentimenten erzogene, aber durch hoffarth ehr- und regir-geitz ohnersättliche stief-Mutter und den gleichmäßigen Menschikof geworfen, diesem aber sonderlich das unglückh seiner education seiner wenigen Fähigkeit und alles übele darumben zugelegt, wie den er des Czarswiz gesundheit nicht traue, und sich für ihme Czarowiz und seiner descendenz fürchte, ratione des Vatters weni­ger Estimé, lieb und Zutrauens, komme eben alles von diesem Menschikof her, welcher von erster Jugend ihn nichts lernen laßen, von dem Vatter allzeit abgehalten, wie ein hund oder gefangener [föl. 1 Ív] ia sogar bey allen leuthen offt mit scheldworth tractiret, und dieses habe gedauret biß Anno 709 und besßer Czarowiz verheurathet worden, alß dan seye es ein wenig bisß er gegangen, sonderlich so lang Menschikof Pohlen raevagiret (!), zu selbiger Zeit habe Czar ihn Czarowiz ein Jahr lang im geheimben Rhat und dem Vatterland praesidiren laßen, in Thorn hernach auch in Militaribus, wie auch in Pommern gebraucht, und so viel er wisße dem Vatter alle Satisfaction gegeben, wie aber sie Stief-Mutter und er Anno 712 oder 713 nach Peterßburg geschickht worden, die Czarowizin wegen des üblen Tractament fort gegangen, so habe man den Czar wieder ihn aufgehetzet und wieder alle estim und gnad für ihn verkehren machen, worauf der Vatter ihn nichts nutz ercklähret, obwohlen er in der Wahrheit gestehen muß, daß er ihme nichts anvertrauet, folgsamb nicht viel nutziges thuen können, obwohlen er Czarowiz das wenige [fol. 12r] so ihme vertrauet worden, gehorsamb und gut gethan habe, wie nun die Czarowizin zuruckh, und zur schwanger­schafft kommen, seye alles ärger sonderlich durch Menschikof metu successionis worden, den Tag alß die gemahlin begraben, habe der Czar seine ungnad offenbahr gemacht, und ihme sehr hart geschrieben, einen Tag aber vor der geburth seines des Czars Sohns, der auf einen sambstag vor dieser Czarin geweßen, ercklähret ihme der Vatter, daß er inß Closter gehen, und die renuntiation thuen sollte, wogegen er vi et metu sich zu allem zwahr zu frieden, wegen seiner Kinder aber nie zu nichts ercklähret, sondern in seinem hertzen und hernach umb da mehr alles Gott überlaßen habe, alß er gesehen, daß sein Stiefbruder von Gott weder mit gesundheit noch talentis versehen, und Gott sich durch weit Monarchen doch nicht wider-stehen laße, repetendo priora. Ad 2dum hat er mit Gott beteueret, dem Vatter nie nichts zu wieder, zumahlen aber niemahlen etwas gegen seine regi- rung, oder seine Sohns- und unterthanen Pflicht gethan zu haben, zu keiner rebellion oder aber aufruhr des Volckhs habe er nie gedacht, obwohlen [fol. 12v] es leicht würde geweßen seyn, dan die Rusßen liebten ihn Czarowiz, und hasßeten den Vatter wegen seiner niederbür- tigen schlechten Czarin und bößer Favoritten, auch daß er die alte gute gebraüch abbrächte und lauter Übels einführte und ihres gelds und bluts nicht verschonte, sondern ein Tiran und seiner nation Feind wäre, worüber besorglich seine unterthanen ihn auch noch umbringen und Gott ihn straffen würde, addendo in particulari den gantzen detail der Czarischen Armee deren Ministrorum und Boyaren mit dem anhang daß darunter die mehriste zumahlen aber der Menschikof und leib Medicus lauther adulatores und böße Leuth wären, die den Czaren in hundert böße Dinge führten, alß Exempel weiß wegen dem Titul Kayß[erlich] und Fantasie, wordurch er nur Verdruß, und doch nie nichts reales finden würde, fragend wie es dan darmit beschaffen, alß man nun ex pace Westfalae alß einem attestato publico totius fere Euopae die aigene qualität eines Rusßischen Czaren alß rem veram et novissimam ohndisputirlich ihme [fol. 13r] darlegte, hat er es begriffen, und in seinen Sachen fortfahrend erckläret daß er alles Gott überlaßen wolle, der allein über die Menschen herrschte und die Successiones nach seinem Heiligen Willen frühe oder spath außtheilte, des Vatters Hertz wäre gut und gerecht, wan man es nur so ließe, aber er wäre leicht zornig und grausamb zu machen, er wolle aber nie nichts gegen den Vattern thuen, sondern liebete und ehrte ihn, außer daß er zuruckh zu ihme nie gehen würde, bathe auch Ihro M[ajestä]tt den Kayßer, allein sein armes leben zu erhalten, und ihn nicht zu extradiren, sondern hoffte man würde seines und seiner armen Kinderen unschuldiges bluths verschonen, mit vielen Trähnen und bewegungen verfiele er demnach. Auf die nachricht daß er seiner Kinder halber keine disposition verlaßen, er trauete ihrentwegen allein auf Gott, auf des Vatters in sich gutes Hertz, und die Madame Roxin, wollte sie Ihrer Kay[serliche]n M[ajestä]tt und der Kayßerin empfohlen haben, im übrigen aber Ihro Kay[serliche]n M[ajestä]tt seiner Persohn halber folgen, wie und wohin sie wolten, dan sie Ad 3tium [fol. 13v] wüsten daß Ihro May[estä]tt generös und gut hertzig, auch ein Mächtiger und gescheider billicher Herr wären, dahero seye er zu der reyß und wie ein gefangener zu leben bereith, bedanckhte sich auch für Ihre Kay[serliche] M[ajestä]tt gnad und prudente Vorsorg, so auch für das überschickhte geld, und das ahndenckhen der Kay[serlichen] sackh uhr sambt Ketten und Pettschafft, womit alßdan der Kay[serliche] Minister zuruckh gereyßet, und Ihre Kay[serliche] M[ajestä]tt es bey Ihro vorigen Verordnung in geheimb zu bleiben, biß mit dem Vattern zu einer Versöhnung die Gelegenheit käme, gelaßen, so ist den 7ten Xbris (Decembris) die reyß auf Ehrenberg in geheim fortgesetzet, und ohngeacht aller der Unordnung, ohn- vorsichtigkeit fresßen und sauffens der Czarowizischen Bedienten,doch so glückhlich vollbracht, und des Czarowiz leuthen vorgestellt worden, daß er in seines herrn Vatters diensten und höchster geheimb weiter fortgesendet werde. Den 15ten ejusdem würde so dan die gantze gesellschaft alß Staats-gefangene auf die Festung Ehrenberg in geheimb gebracht, und alß solche sich eingerichtet, so schickhte der Czarowiz den ihme mitgegebenen Secratarium wieder 36

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