Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Ernst Petritsch: Bericht über den Aufenthalt des Zarewitsch Alexej in den habsburgischen Ländern 1716-1718
[föl. 7v] zu thuen seyn möge, worüber und nach beschehenem unterth[äni]gsten einrathen, abends dem Czarowiz durch den Kay[serlichen] R[eichs]HoffV[ize]Cantzlern die Kayfserliche] resolution dahin ertheilt worden, daß obwohlen Ihro Kayfserliche] M[ajestä]tt sich nicht einbilden könten, daß Ihto M[ajestä]tt der Czar gegen ihn Czarowiz alß seinem Sohn, wan zumahlen in der angerührten aufführung und Principiis eines ehrerbiethigen Sohns gegen seinen natürlichen Vatter und Herrn er biß Dato verblieben und geweßen, selbst gesinnet seyen, oder anderen solches gestatten würden, so hätten dieselbe iedannoch mit desßen angst und bekümmernuß ein gantzes Kay[serliche]s mitleyden, wolten ihme auch dero Kay[serlichen] schütz und vorsprag [?] bey seinem herrn Vattern, auß Kay[serlicher] Großmuth, andverwandschafft und Christlicher liebe nicht entziehen, sondern trachten ihn Czarowiz mit seines h[errn] Vatters May[estä]tt zu versoehnen, zu welchem ziel und ende das beste [föl. 8r] seyn würde, sich ferner allerdings geheimb zu halten, auch Ihre M[ajestä]tten beederseiths nicht zu sprechen, biß man das übrige aigentlich erfunden und resolvirt haben würde, zumahlen der Kayßerin gesegneter zustand solchen Vortrag oder besprechung nicht gestatten. Nach langer Überlegung hat endlich der Czarowiz sich dem Kayfserlichen] Willen gantz unterworfen, vor allem in der Welt aber gebetten ihn nicht zu extradiren oder zurückh zu schickhen, dan es würde ihn sein Leben gewisß kosten, mit dem Vattern wolte er sich nicht allein gar gern versoehnen, sich ihme zu vollkommenem gehorsam unterwerfen, allein zu ihme so lang er lebte, oder auch in ein Closter gienge er einmahl nicht, dan dieses würde der Verlust seines Leibs und der Seelen seyn, er habe allzeit die 10 gebott vor äugen gehabt, seinen Vattern nie belaidiget, daß er aber nicht [föl. 8v] mehr geist habe, das komme von Gott und dem Menschikof, der ihme schlechte education gegeben, allzeit untertruck- het, nichts lernen lassen, und lauther schlechte Leuthe oder Narren in der iugend zu ihme gethan habe, man möge ihn auch nicht in Boheim oder Hungarn schickhen, dan dorten würde ihn die sprach oder die religion verrathen, und er seines Lebens wie auch nicht sicher seyn aufgehoben zu werden. Den 23ten ejusdem ist auf die Kayßer[liche] resolution sich in geheimb zu halten, bem[elter] Czarowiz auf etliche Meyle von der Residenz statt Wien in aller stille verschick- het und dorten biß auf den 7ten Xbris (Decembris) gehalten worden, biß auf der Tyrolischen Festung ehrenberg die quartier zugerichtet, zur reyß und dorten alles veranstaltet worden, indesßen schickhte der Czarowiz den ihme mitgegebenen Secretarium Keil mit denen schreiben ahn Kayß[erliche] M[ajestä]tt [föl. 9r] Lit A et В und dero Reichs-Hof Vice-Canzlern sub Lit A et В inserantur, sambt der bitte ihn nicht zu verlaßen, und ja nicht zu extradiren, mit dem auch sonderlichen ersuchen zurückh, Ihre Kayßer[lich]e May[estä]tt mögten ihm einen Griechischen Priester zu seinem Trost, und seiner und der Seinigen Seelen heil in geheimb zusenden, und überlasßen, gleichwie er strackhs anfangs inständig nuhn aber wegen denen Christ-feyertägen darumben sonderlich gebetten, wie dan der Czarowiz auch übrigens in [föl. 9v] strengem fisch esßen und fasten, ohnahngesehen der Vorstellung, daß hirdurch argwöhn erweckhet werden könte, und sonst sich in seiner religions arth überauß Christlich und wohl aufgeführte hat; Den 5ten Xbris (Decembris) schickhten Ihre Kayß[erlich]e May[estä]tt einen dero Ministrorum umb. lmo circa factum nochmahlen von demselben alles positive zu vernehmen, und zu examiniren, damit nach desßen abreyß und ge[föl. Юг] staken dingen nach, man mit gewißheit in deme wo rhatsam scheinen würde, noch sicher fortgehen könnte; 2do umb desßen Intention eadem seiner vorigen aufführung und ergebenheit gegen den H[errn] Vattern, 3o wegen desßen zuruckh gelaßenen Kindern. 4to wegen seiner abreyß und ferner Verhalts, auch daß kein Griechischer Priester zu finden, allenfalß aber solchen mit zu geben keines wegs, und umb da weniger rhatsamb seyn würde, alß sich keiner, wie es die ratio des Czarowiz erfordere so einsperren, oder durch denselben alles in gefahr verrathen zu werden, die gröste gefahr liefe, da herentgegen das Crenomenon seiner gantzen Sicherheit und Hauptschutzes auf dem bestündte, daß der Czar von seinem aufenthalt nichts erführe, biß immittelß man weitere information einziehen -, und die zeit und gelegenheit erwarten könne, mit desßen H[err]n Vatters May[estä]tt ahn zu binden, und die Versöhnung [föl. lOv] durch sich und andere zu suchen, hierüber ware des Czarowiz D[urchlaucht] ohngemein freüdig, und ad 4tum der reyß, des aufenthalts, der einsperrung und der haubt maximé halber allerdings, wie auch wegen des Priesters außbleiben mit diesem Vorbehalt zu frieden, daß ihme in nothdürfftiger Vorfallenheit für ihn oder die seinige solcher nicht mögte versaget werden; Ad lmum bekräftige er all vorerzehltes sehr außführ- und weitläufig, ratione renuntiationis und des Closters gehen aber repetirte ohngefährlich alles was in dem Czar[ischen] Manifest enthalten, mit diesem unterschied, daß der Czar und andere alles mögliche angewendet, umb ihn zu freywilliger renuntiation zu bringen, so er aber positive seiner Kinder halber nie eingegangen, sondern per vim et metum alles ahn sich kommen laßen, mit fernerer hinzusetzung solcher particularin, wegen der gefahr mit gewalt in ein Closter eingesperret 35