Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa
geräumt wurden, und die Kompanie umso mehr eine Konkurrenz für den englischen Handel darstellte. Die Habsburgermonarchie war auf die Unterstützung einer Seemacht angewiesen, um die weitverstreuten Gebiete sichern zu können. Zudem sollte Spanien Subsidien an den Kaiser zahlen und diesem wurde die Belehnung des Infanten Carlos in Parma-Piacenza und der Toskana zugesichert. In dem letzten Punkt wie auch in der in Aussicht gestellten Heirat der Erbtochter Karls, Maria Theresia, mit dem Infanten zeigt sich aber die nicht ganz aufrichtige kaiserliche Politik. Eine rasche Belehnung von Don Carlos sowie eine Stationierung spanischer Truppen noch vor dem Tod der letzten Mitglieder der dort regierenden Häuser, konnte nicht im Interesse des Kaisers liegen, da die spanische Macht erneut Fuß auf der italienischen Halbinsel gefasst hätte. Die unter bestimmten Bedingungen in Aussicht gestellten Heiraten in einem zweiten Vertrag im November hätten die anderen europäischen Mächte wegen der möglichen erneuten Vereinigung der spanischen Macht mit der Habsburgermonarchie und möglicherweise dem Reich nicht gebilligt. Insbesondere die Seemächte hätten eine künftige Allianz der dann Bourbonenhöfe in Madrid, Paris und Wien zu fürchten. Es war ein Erfolg der Wiener Diplomatie, auch wenn das Scheitern in dem Unvermögen und auch Unwillen, die einzelnen Punkte in vollem Umfang zu erfüllen, vorbestimmt war. Die Reaktion war das Herrenhäuser Bündnis zwischen England, Frankreich und Preußen (1725). Auch Dänemark und Schweden traten dieser gegen den Kaiser gerichteten Allianz bei (1727), was als Verstoß gegen die Reichsverfassung interpretiert werden konnte. Dieser Zusammenschluss führte zu dem bereits erwähnten engeren Zusammenrücken mit Spanien und man sicherte einander militärische Hilfe bei einem Krieg gegen Frankreich oder andere Mächte zu. Das Herrenhäuser Bündnis schloss Russland aus, das sich auch wegen möglicher Unterstützung gegen die Pforte nun mit Österreich verband, das kurz zuvor bereits einem russisch-schwedischen Bündnis beigetreten war (1726).55 In der Folge wurde die Habsburgermonarchie durch die geschickte französische Diplomatie unter Kardinal Fleury zusehends isoliert. Einen möglichen Krieg mit Großbritannien verhinderte die auf einige Jahre beschränkte Stilllegung der Ostendischen Kompanie. Die Pariser Friedenspräliminarien 1727 waren ein Ergebnis intensiver französischer Bemühungen. Österreich strebte eine breite Anerkennung der Pragmatischen Sanktion durch die europäischen Mächte an, gleichzeitig entfernte man sich immer weiter vom spanischen Verbündeten. Schließlich sollte der Kongress von Soissons (1728) den seit Jahren angestrebten Ausgleich ermöglichen. Immer mehr wurde deutlich, dass eine Belehnung des Infanten oder gar eine mögliche Hochzeit in Wien nicht ernsthaft betrieben wurde. Die Folge dieser verzögernden Politik war der Vertrag von Sevilla zwischen Großbritannien, Frankreich, den Generalstaaten und Spanien (1729). Die durch den Wiener Frieden geschaffenen Vorteile waren für die Habsburgermonarchie dahin, die Quadrupelallianz gebrochen. Immerhin hatte Wien zuvor Preußen (1726, 1728) gewinnen können. 1731 schloss Großbritannien wegen Unstimmigkeiten mit Frankreich sowie Spanien mit der Habsburgermonarchie den zweiten Wiener Vertrag, in dem die Ostendische Kompanie endgültig aufgegeben, dafür aber die Pragmatische Sanktion anerkannt wurde. 1732 traten diesem Spanien und die niederländischen Generalstaaten bei.56 Russland hatte sich zu den Großmächten gesellt und sich trotz der Aufnahme Alexeis an die Habsburgermonarchie angenähert. Lernte man Peter während seines Aufenthaltes in Wien mit Teilnahme an einer Faschingswirtschaft (1698) kennen, bezeugen die kaiserlichen Standeserhebungen für wichtige Persönlichkeiten des russischen Hofes das Bemühen um gute Beziehungen. Besonders hervorzuheben ist dabei die Erhebung Alexander Menschikows in den Fürstenstand.57 Mit der Flucht Alexeis zog man sich den Unmut des Zaren zu, der sogar mit einem möglichen Krieg drohte. Die Annahme eines Kaisertitels durch Peter verstimmte 1721 wiederum Wien, was erst 1725 gelöst werden konnte. Kurz nach Ableben des Zaren wurden schließlich 1726 drei Prunkwagen in Wien in Auftrag 55 Zu den russisch-österreichischem Verhältnis siehe Köster, Russische Truppen (wie Anm. 20), S. 19-30; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 251 f. 56 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 299-332; Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 296-310; Köster, Russische Truppen (wie Anm. 20), S. 19-30; Grete Mecenseefy, Karls VI. Spanische Bündnispolitik 1725-1729. Innsbruck 1934; Martin Naumann, Österreich, England und das Reich 1719-1732. Berlin 1936; Redlich, Österreich 1700-1740 (wie Anm. 4), S. 181-193; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 172-176, 235-269. Vgl. kurz Stefan Seitschek, Geschichtlicher Abriss. In: Stefan Seitschek - Herbert Hutterer - Gerald Theimer, 300 Jahre Karl VI. Spuren der Herrschaft des „letzten“ Habsburgers (1711—1740). Begleitband zur Ausstellung des Österreichischen Staatsarchivs. Wien 2011, S. 235-239 (Link: http://www.oesta.gv.at/DocView.axd?CobId=47816 ), S. 38-57. Zur Ostendischen Kompanie Michael Wanner, The Ostend Company as Phenomenon of International Politics in 1722—1731. In: Ales Skiivan - Arnold Suppan (Hrsg.), Prague Papers on the History of International Relations. Prag 2006, S. 29-63; Herbert Hutterer, Handelskompanien. In: Seitschek -Hutterer -Theimer, 300 Jahre Karl VI. (wie oben), S. 143-151. 57 ÖStA, AVA Adel Reichsadelsakten Menschikow, Alexander (21.1.1706). Hingewiesen kann auch auf eine geplante Erhebung des Fürsten und Feldherren der Kosaken Ivan Mazepa werden, die jedoch nie zur Ausstellung kam, was wohl mit dessen Abfall vom Zaren zu erklären ist (Ebd., Mazepa, Johannes 1.9.1707). 18