Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa
in weiterer Folge nicht mehr offizieller Teil des Bündnisses. Nach dem Konflikt um Italien und die spanische Niederlage 1719 schloss sich Philipp V. 1720 dieser an. Bereits in der Quadrupelallianz war eine Belehnung des Sohns des spanischen Königspaares, Carlos, in der Toskana und Parma-Piacenza nach Aussterben der regierenden Häuser und damit die Anerkennung der Ansprüche Elisabeth Farnese festgelegt, wobei man diese aber als Reichslehen deklarierte. Umstritten blieben die Frage des Zeitpunkts und die Möglichkeit der Stationierung spanischer Truppen in diesen Gebieten. Der Kaiser erhielt vom Herzog von Savoyen Sizilien im Tausch für Sardinien, dieser dafür den Königstitel.51 52 53 Es folgten weitere Bündnisse: Ein Bündnis zwischen England, Polen und Wien sollte dem im Nordischen Krieg erstarkten Russland entgegen treten (1719).52 Die Gründung der Ostendischen Kompanie durch Karl VI. und die dadurch mögliche Handelskonkurrenz führte zu einem Beitritt Großbritanniens zu einer Defensivallianz Frankreichs und Spaniens (1721). 1723 schloss England zudem ein Bündnis mit Preußen. Damit war Österreich isoliert. Auch der noch immer andauernde Nordische Krieg sollte in ausgeglichene Machtverhältnisse münden. Der Tod Karls XII. 1718 bedeutete das Ende der Bemühungen Schwedens, seine Gegner erneut einzeln durch die eigene militärische Macht und diplomatisches Geschick zu günstigeren Bedingungen zu zwingen. Es folgten ihm seine Schwester Ulrike Eleonore und deren Gatte Friedrich von Hessen-Kassel. Man versuchte nun die breite Allianz gegen Schweden durch Aufgabe der eigenen Territorien aufzubrechen, weshalb schrittweise mit den Gegnern Frieden geschlossen wurde. Dabei unterstützte auch Georg I. von England Schweden, das er als Gegengewicht an der Ostsee im Sinne des Mächtegleichgewichts erhalten wollte. Mehrfach erschienen englische Flottenverbände nach 1719 in der Ostsee, die immer mehr eine Zurückdrängung der Ansprüche des Zaren bezweckten. Die SüdseeafFäre mit ihren hohen Spekulationsverlusten und die damit verbundenen innenpolitischen Schwierigkeiten, aber auch die ständige Besorgnis einer möglichen Rückkehr der katholischen Stuarts auf den englischen Thron verhinderten ein entschlossenes Vorgehen.53 Der Kontakt mit schottischen Stuartanhängern stimmte das Haus Hannover gegenüber Peters Machtausdehnung jedenfalls nicht günstiger. Die russische Strategie der Bedrohung der Küsten erwies sich durch ihre stark bemannten Galeeren, die auch in flacheren Gewässern operieren konnten, als sehr wirkungsvoll. Letztlich konnte der Zar weitreichende Gebietsgewinne behaupten, das Vertrauen Schwedens in die englische Flotte wurde nicht gerechtfertigt, da man letztlich Positionen im Reich, aber auch an der Ostseeküste bis an die Grenzen Finnlands, verlor. Immerhin konnten Stralsund und Wismar als Außenposten, auch dank französischer Unterstützung, behauptet werden. Eine Friedensordnung für den Norden im Sinne eines Kräftegleichgewichts konnte nicht in dem Ausmaß verwirklicht werden, da die neue Großmacht Russland ihren starken Machtgewinn behaupten konnte.54 Die nach den Kriegen noch offen gebliebenen Ansprüche und Besitzverhältnisse sollten nicht in einen neuerlichen Krieg münden. Entsprechend dem Bemühen um einen Ausgleich der Kräfte sollte nicht die militärische Macht, sondern Diplomatie dauerhafte Vereinbarungen erreichen. Im Kongress von Cambrai traten die Vertreter der europäischen Mächte zur Schaffung eines Ausgleichs zusammen, der allerdings erst 1724 offiziell begann. Ursprünglich hätte dieser schon 1720 zusammen treten sollen, u.a. hatte der Unwillen Karls VI. zur Eventualinvestitur des spanischen Infanten Carlos mit der Toskana und Parma-Piacenza den tatsächlichen Beginn verzögert. Spanien hatte daran weiterhin Interesse, aber auch an einer Rückgabe Gibraltars, das Großbritannien seit der Eroberung im Spanischen Erbfolgekrieg besetzt hielt. Die Verhandlungen verliefen schleppend, Frankreich und vor allem Großbritannien übernahmen die Mittlerrollen zwischen den scheinbar unversöhnlichen Höfen von Madrid und Wien. Als man die dem jungen Ludwig XV. versprochene spanische Infantin wegen ihres Kindesalters aus Versailles nach Madrid zurücksandte, erfolgte die schon vorbereitete Einigung zwischen den ehemaligen Gegnern: Ende April, Anfang Mai 1725 wurde der Wiener Friede unterzeichnet, in dem Karl VI. auf Spanien verzichtete, Philipp wiederum die Pragmatische Sanktion und damit die Nachfolge Maria Theresias anerkannte. Der Friede umfasste neben einem Bündnisvertrag auch einen Handelsvertrag, in dem der Ostendischen Kompanie ebenso günstige Bedingungen wie den Händlern der Seemächte in den spanischen Häfen ein51 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 253 f.; Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 245-260; Redlich, Österreich 1700-1740 (wie Anm. 4), S. 174-178; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 132-172. 52 Wittram, Peter 2 (wie Anm. 7), S. 408-412. 53 Bereits kurz nach dem Regierungsantritt Georgs aus dem Haus Braunschweig-Hannover musste dieser 1715 einem von Schottland ausgehenden Aufstand der Jakobiten begegnen. Die Gefahr einer neuerlichen Unruhe blieb bestehen. So vermutete man in dem Zusammenschluss der Habsburgermonarchie mit Spanien 1725 ein katholisches Bündnis, das u.a. die Einsetzung des katholischen Prätendenten planen würde. Durch falsche Gerüchte bestärkt, erwähnte Georg diesen Vorwurf auch bei einer Thronrede zur Eröffnung des Parlaments 1727 (Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 189-197, 243, 263, 298-301; Redlich, Österreich 1700-1740 (wie Anm. 4), S. 105, 178-180, 187 f.). Zum Südseeschwindel Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 273-283. 54 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 255-262; Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 237-245,259-267; Massie, Peter (wie Anm. 1), S. 616-629; Stökl, Russische Geschichte (wie Anm. 8), S. 361-363. 17