Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“

Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa

dem Ende des Krieges mit der Pforte wurden kaiserliche Truppen nach Schlesien verlegt. 1719, im Umfeld der Friedensbemühungen im Nordischen Krieg, wurde schließlich der Herzog durch Hannoveraner und Wolfenbüttler Truppen vertrieben. Nach dem Tod Georgs wurde damit nicht unumstritten auch Brandenburg beauftragt (1728).46 Die militärischen Erfolge und späteren Gebietsgewinne an der Ostsee ließen mit Russland unter Peter eine neue Vormacht im Norden des Reiches entstehen. Neben dem Herzog von Mecklenburg heiratete Friedrich Wilhelm Herzog von Kurland (1698—1711) Anna Ivanova, die zweite Nichte Peters. 1711 verband sich zudem der russische Thronfolger Alexei mit Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel und wurde damit Schwager Karls VI. Die Ehe zwischen Peters Tochter Anna und Karl Friedrich Herzog von Holstein wurde erst nach dem Tod des Zaren 1725 realisiert. Peters persönliche Präsenz während der Feldzüge im Reich, die Stationierung russischer Truppen etwa in Mecklenburg und Polen sowie die Heiraten russischer Fürstinnen waren Ursache von Besorgnis. Die Truppen in Mecklenburg stellten wegen eines möglichen raschen Überfalls eine Bedrohung für Hannover und seinen Kurfürsten Georg I. von England dar.46 47 48 Eine bedeutende Rolle nahmen auch die Besitzungen und damit zusammenhängend die Reichslehenordnung in Italien ein: Dabei ging es einerseits um einen Ausbau der Macht der Habsburgermonarchie, aber auch die traditionelle Verankerung des Kaisertums auf der Apenninhalbinsel und die Behauptung alter Reichsrechte bzw. Reichslehen. Schließlich scheute man selbst den Konflikt mit dem Papst nicht, der endgültig erst 1725 beigelegt wurde.48 Durch die Friedensschlüsse nach dem Spanischen Erbfolgekrieg erhielt Karl einen Großteil der ehemals spanischen Gebiete. Philipp V. war jedoch bemüht, Spaniens einflussreiche Stellung auf der Halbinsel wieder­zuerlangen. Mit der Habsburgermonarchie war noch kein Frieden geschlossen, als der Bourboné 1714 Elisabeth Farnese heiratete. Diese war nächste Erbin in Parma-Piacenza und nach dem Ende des Hauses Medici auch in der Toskana. Die Durchsetzung dieser Ansprüche bestimmte die spanische Politik der folgenden Jahre. Zudem wurde die Lehensabhängigkeit vom Reich durch die dort herrschenden Familien bestritten, für Parma-Piacenza beanspruchte diese etwa der Papst selbst. Nach 1713 hatte schon Cosimo III. versucht, im Falle des Todes seines Sohnes Gian Gastone seine Tochter, Ehefrau des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, als Nachfolgerin in der Toskana durchzusetzen. Die durch den Florentiner Senat 1714 beschlossene weibliche Erbfolgeregelung legte auch die Weichen für Elisabeth Farnese. Den neuerlichen spanischen Zugriff auf Italien betrieb v.a. der einflussrei­che Kardinal Giulio Alberoni, weshalb Wien bei dem 1716 begonnenen Krieg mit der Pforte stets die Gefährdung der italienischen Gebiete beachtete. 1717 eroberte die spanische Flotte Sardinien. War dieses Vorgehen bei zwei theoretisch noch im Kriegszustand befindlichen Mächten kein Bruch der nach dem Erbfolgekrieg geschlossenen Verträge, bedeutete das Ausgreifen auf das im Besitz von Savoyen-Piemont übergegangene Sizilien im Jahr darauf einen Bruch der Utrechter Friedensordnung. Die Bildung der Quadrupelallianz 1718 und die Vernichtung der spanischen Flotte durch die Engländer beim Kap Passaro waren die Folge. Alberoni wurde entlassen, Spanien trat der Allianz bei. Ein Kongress wurde für das Jahr 1720 in Cambrai angesetzt (s. unten).49 Friedenspläne und Kongresse Ein stabiles Mächtegleichgewicht in Europa sollte durch einen Ausgleich der unterschiedlichen Ansprüche geschaffen werden. Die Möglichkeit Großbritanniens, in Konflikten durch die eigene Seemacht den Ausschlag geben zu können, und die Erschöpfung Frankreichs sowie der Tod Ludwigs XIV. 1715 festigten dessen ein­flussreiche Rolle. Die Gründung einer Friedensordnung war auch ein Anliegen Georgs I. und vor allem des englischen Staatsmannes Lord James Stanhope.50 Auch in Frankreich begann mit der Regentschaft Philipp von Orleans für den minderjährigen Ludwig XV. eine Phase der Friedenserhaltung. 1716 schloss England mit der Habsburgermonarchie einen gegenseitigen Vertrag über Hilfeleistungen, mit Spanien Handelsverträge. Diese Tendenzen zu mehr Stabilität führten schließlich zur Schaffung der Quadrupelallianz: Vorläufer war zunächst eine Tripleallianz zwischen Großbritannien, Frankreich und den Generalstaaten (1716/1717). Die Quadrupelallianz bezog schließlich auch den Kaiser ein, doch traten dieser die Niederlande zunächst nicht bei und wurde dann 46 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 255-262, 323 f. 47 Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 206-208; Massie, Peter (wie Anm. 1), S. 489-498, 528-536; Stökl, Russische Geschichte (wie Anm. 8), S. 359-363; Wittram, Peter 2 (wie Anm. 7), S. 273-296,373,408-411. Zur kritischen Haltung Prinz Eugens gegenüber Peter dem Großen kurz Maren Köster, Russische Truppen für Prinz Eugen. Politik mit militärischen Mitteln im frühen 18. Jahrhundert. Wien 1986 (Militärgeschichtliche Dissertationen österreichischer Universitäten Bd. 6), S. 22. 48 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 206-215, 371; Marcus Landau, Rom, Wien, Neapel während des spanischen Erbfolgekrieges. Leipzig 1885; Redlich, Österreich 1700-1740 (wie Anm. 4), S. 64-74. 49 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 253-255, 351-377; Hatton, Georg I. (wie Anm. 7), S. 249-259; Redlich, Österreich 1700-1740 (wie Anm. 4), S. 176-178; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 164-172. 50 1673-1721. 16

Next

/
Thumbnails
Contents