Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa
und bot daher den Bau einer reformierten neuen Kirche in günstiger Lage an. Dieser Vorschlag wurde in der angespannten Situation aber als katholischer Versuch zur weiteren Einschränkung und Abdrängung des reformierten Bekenntnisses gedeutet, daher als Bruch des Westfälischen Friedens angesehen und am Reichstag diskutiert. Auch das Verbot des Heidelberger Katechismus 1719, der passagenweise das katholische Glaubensbekenntnis massiv kritisierte, vertiefte das Misstrauen. Da es zu keiner Einigung kam, verschärfte der Kurfürst die Situation zusätzlich, indem er die Hofkirche in Besitz nahm und die Trennmauer entfernen ließ. Die verwandtschaftlichen Verbindungen zu diesem stellten eine zusätzliche Belastung der kaiserlichen Beziehungen zu den evangelischen Reichsmitgliedern dar, die nun ebenso, im Fall Brandenburgs entgegen den Reichsgesetzen, gegen Katholiken in ihrem Herrschaftsgebiet vorgingen. Die Schwächung der kaiserlichen Position betrieben die Bevollmächtigten der mächtigeren, evangelischen Reichsfürsten aktiv, indem sie etwa auch eine katholische Verschwörung des Kaisers in Verbund mit Papst und den Jesuiten argwöhnten. Im Endeffekt wurde der Heidelberger Katechismus in einer bereinigten Form genehmigt und Karl Philipp musste die Hofkirche wieder den Reformierten einräumen. Er selbst zog daraus die Konsequenz, dass er seinen Hof nach Mannheim verlegte.42 Ein anderes wichtiges Phänomen für das Verständnis des Reiches stellen die Assoziationsbemühungen und damit die versuchte Schaffung einer unabhängigen Reichsarmee dar. Versuchten die Habsburger diese anfangs zu schwächen, da man ein weiteres Gegengewicht zur kaiserlichen Macht befürchtete (Assoziation der Vorderen Reichskreise 1697), konnten sie in den ersten Jahrzehnten mehrmals als Mittel zur Mobilisierung der kleineren Reichsstände für die kaiserliche Sache genutzt werden. Diese Bemühungen sind vor allem mit der Familie Schönborn verbunden.43 Besonders Lothar Franz von Schönborn, u.a. Mainzer Kurfürst und damit Erzkanzler des Reiches, nahm dabei eine bedeutende Rolle ein. Dieser strebte anfangs eine unabhängige Assoziation unter seiner Ägide an. Die einflussreichen Fürsten wie Brandenburg-Preußen, Hannover oder auch Sachsen hatten durch ihr Ausgreifen in Länder außerhalb des Reiches an Macht und Prestige gewonnen. Wurden deren Heere im Spanischen Erbfolgekrieg vor allem durch Subsidienzahlungen der Seemächte Holland und England finanziert, gelang es etwa Friedrich Wilhelm I. durch seine Sparpolitik bald eine schlagkräftige Armee aufzubauen. Die mächtigeren Reichsstände wie Brandenburg-Preußen, Braunschweig-Hannover, Bayern, die Pfalz und andere strebten eine Ausdehnung, durch Erbanfall, aber auch militärische Mittel an. Damit stellten sie eine Bedrohung für die kleineren Reichsmitglieder dar, was schließlich Schönborn zur Zusammenarbeit mit dem Kaiserhof brachte. 1702 trat die Nördlinger Assoziation der Großen Allianz im Spanischen Erbfolgekrieg bei. Bedeutend wurde sie vor allem nach dem Frieden von Utrecht und der Fortsetzung des Krieges gegen die Bourbonen durch Karl VI. und dem Reich. Sie sollte Grundlage für die Aufstellung einer Reichsarmee bilden, doch erreichte man nie die erhoffte Truppenstärke. Durch den Frieden von Baden und die Nichtdurchsetzung der Forderung einer Reichsbarriere, verspielte Karl VI. das ihm entgegen gebrachte Vertrauen.44 1727, nach der Aussöhnung Karls mit Spanien 1725 und eine großangelegte Koalition gegen dieses Bündnis (Herrenhäuser Bündnis zwischen England, Frankreich und Preußen), erfolgte eine Erneuerung der Assoziation. Als die Kriegsgefahr bald abebbte, verabsäumte man neuerlich, die mögliche Unterstützung der schwächeren Reichsmitglieder für den Kaiser zu sichern. 1729 und 1735 sollte die Nördlinger Assoziation nochmals aufleben. Letztlich blieb diese Möglichkeit zur Schaffung einer Reichsarmee unter den Einfluss des Kaisers ungenutzt.45 Ein weiterer Problemfall im Reich war Mecklenburg: Herzog Karl Leopold versuchte, die Ritterschaft und insgesamt die Landstände zu unterdrücken. Die Ritterschaft führte gegen die Maßnahmen ihres Herzogs Klage vor dem Reichshofrat. Das Urteil von 1714 legte dem Herzog die Rücknahme seiner Maßnahmen auf, die nicht erfolgte. Ein 1712 erstmals einberufener Kongress in Braunschweig hatte die Durchführung nicht erzwingen können, neben einer Schlichtung der religiösen Konflikte im Nordischen Krieg zu vermitteln versucht. Die Bemühungen blieben aber erfolglos, da die Vertreter mancher Mächte (z.B. Hannover) fehlten. Unterstützt wurde der Herzog von Mecklenburg von russischen Truppen. Karl Leopold war nämlich seit 1716 mit der Tochter von Peters verstorbenen Halbbruder Iwan V, Katharina, verheiratet. Der Kaiser war im Krieg mit der Pforte und um Italien, ein Hineinziehen in den Nordischen Krieg sollte vermieden werden. Schließlich wurden Hannover, dessen Souverän Georg I. von England war, und Braunschweig-Wolfenbüttel mit der Exekution betraut. 1718 nach 42 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 263-295; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 225-230. 43 Vgl. alig. mit weiterführender Literatur: Gerhard Bott (Hrsg.), Die Grafen von Schönborn. Kirchenfürsten. Sammler. Mäzene. Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1989; Hugo Hantsch, Reichsvizekanzler Friedrich Karl von Schönborn (1674-1746). Einige Kapitel zur politischen Geschichte Kaiser Josefs I. und Karls VI. Augsburg 1929 (Salzburger Abhandlungen und Texte aus Wissenschaft und Kunst. Bad. 2); Peter Stephan, „Im Glanz der Majestät des Reiches.“ Tiepolo und die Würzburger Residenz. Die Reichsidee der Schönborn und die politische Ikonologie des Barock. Textband. Weißenhorn 2002; zum Verhalten der Schönborn im Religionskonflikt Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 272-295, zur Rolle von kirchlichen Dynastien im Reich Ebd., S. 382-400. 44 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 237-248. 45 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 265 f., 306-311, 315-317. 15