Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“

Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa

1703 durch eine Rebellion an die Macht gelangt, 1730 zwang ihn eine solche nach einer Niederlage gegen die Perser zur Abdankung.35 Das Heilige Römische Reich Im Reich selbst war der Kaiser mit den konfessionellen Gegensätzen, den deutschen Souveränen und damit verbundenen internationalen Einmischungen in die Reichsangelegenheiten konfrontiert. Die Erfolge von 1683 und der Jahre danach gegen die Osmanen hatten die Reichsmitglieder zur Unterstützung des siegreichen Kaisers geführt. So beteiligte sich daran auch der junge Kurfürst Max Emanuel von Bayern36, der vor Wien und 1686 vor Ofen seine Tapferkeit bewies sowie 1688 bei der Erstürmung Belgrads das Oberkommando führte. Im Spanischen Erbfolgekrieg sollte er dann an die Seite Ludwigs XIV. und dessen Enkel treten.37 Neben den großen Gebietsgewinnen im Osten bewirkte die propagandistische Ausnützung der Erfolge eine Stärkung im Reich. Selbst für den ersten Krieg unter Karl VI. wurde 1716 ein finanzieller Beitrag des Reiches beschlossen,38 obwohl mehrere Konfliktherde das Reich spalteten. Mehrere Reichsfürsten hatten um 1700 Königskronen außerhalb des Reichgebietes erlangt: Der Kurfürst von Sachsen wurde 1697 zum König von Polen gewählt, der Kurfürst von Brandenburg krönte sich 1701 zum König in Preußen und Georg von Braunschweig-Hannover trat 1714 die bereits 1701 vorbereitete Nachfolge in Großbritannien an. Zudem waren der dänische und schwedische König durch ihre Besitzungen im Reich Reichsstände. Der Landgraf von Hessen-Kassel wurde schließlich 1720 König von Schweden. Die Aufzählung dieser Beziehungen mit Ländern außerhalb des Reiches machen schnell deutlich, dass europäische Konflikte die Situation im Reich bzw. Spannungen zwischen den Reichsständen die europäische Politik bestimmen konn­ten. Zudem handelt es sich bei den aufgezählten Fürsten hauptsächlich um Protestanten oder, im Fall von Brandenburg-Preußen, um Kalvinisten. Der katholische Kaiser sah sich einer Koalition der protestantischen und reformierten Fürsten gegenüber. Ursprünglich sollte am Reichstag in Religionsfragen nach vorherigem Beschluss das Corpus catholicorum und Corpus evangelicorum getrennt voneinander beraten um dann einen Konsens zu finden. Das Corpus evangeli- corum unter der Führung Sachsens bildete sich aber abseits dieses Sonderfalls und wurde eine Plattform für kon­fessionelle Beschwerden. Als solches wurde es auch zu einem Instrument der Stimmungsbeeinflussung gegenüber dem Kaiser, der das Corpus in dieser dauerhaften Form nicht anerkannte.39 Das Direktorium des Kurfürsten von Sachsen konnte dieser zur Unterstützung von religiösen Bittstellern nützen, beispielsweise trat er als Patron Schlesiens für dessen Interessen ein und damit nicht selten in Gegensatz zu dessen Landesfürsten, dem Kaiser.40 Bereits die Wahl Karls 1711 zum Nachfolger seines Bruders im Reich zeigte die unterschiedlichen Interessen, es war etwa eine Kandidatur des Kurfürsten von Sachsen im Gespräch. Auch bot sich die Möglichkeit zur Wahl eines evangelischen Kaisers, zumal die Kurfürsten von Bayern und Köln gebannt waren. Den Ausschluss dieser sowie die Beteiligung des evangelischen Hannover beanstandete der Papst, nicht ohne französischen Einfluss. Letztlich wurde Karl auch durch die eingehaltenen Zusagen Brandenburgs und Hannovers als Gegenleistung für den gewährten Königstitel bzw. die Kurwürde gewählt.41 Ein Konflikt entzündete sich anhand der Pfälzer Angelegenheiten. Der nun katholische Pfälzer Kurfürst ver­suchte die seit 1705 zwischen Katholiken und Reformierten geteilte Hofkirche allein für sich nutzen zu können 35 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 253; Massie, Peter (wie Anm. 1), S. 124-140, 466-488; Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 31994, S. 183-199; Redlich, Österreich 1700-1740 (wie Anm. 4), S. 156-172; Rill, Karl VI. (wie Anm. 4), S. 152-163; Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1962, S. 357-359, 363 f.; Wittram, Peter 1 (wie Anm. 7), S. 363-395. 36 1662, Kfst 1679-1726. 37 Einen Überblick zu dessen Herrschaft bietet Hubert Glaser (Hrsg.), Kurfürst Max Emanuel. Bayern und Europa um 1700. 2 Bde. München 1976. Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 274 f., 370. Gelder wurden auch von den italienischen Reichslehen geliefert. Vgl. zu den Geldern aus dem Reich Konvolute in ÖStA, FHKA Sammlungen Nachlass Schierendorf Ktn. 2-8. Zur Finanzierung alig. Karl Norbert Chlubna, Militär und Kriegskosten unter Kaiser Karl VI. im Türkenkrieg 1715-1718. Wirtschaftshistorische Betrachtung der Kostenseite des Türkenkrieges 1715-1718 unter Kaiser Karl VI. inklusive Siebenbürgen und Ungarn. Saarbrücken 2008. 39 So bezeichnete Karl es in einem Dekret als eine verbotene Union entsprechend der Regelungen des Westfälischen Friedens (Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 282-285). 40 Die Konversion Augusts vor der polnischen Königswahl zum Katholizismus sowie die seines Sohnes 1717 schwächte diese Position, weshalb die Glaubenswechsel zunächst im Geheimen vollzogen wurden. Eine Ablöse im Direktorium war vor allem ein Ziel Brandenburgs und Hannovers, was den sächsischen Kurfürsten bzw. dessen Vertreter am Reichstag zu vorsichtigem Handeln zwang (Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 276). Zu Schlesien Matthias Weber, Das Verhältnis Schlesiens zum Alten Reich in der Frühen Neuzeit. Köln-Weimar-Wien 1992 (Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 1), S. 268-280. 41 Aretin, Kaisertradition (wie Anm. 4), S. 223-229. 14

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