700 Jahre Schweiz

II. Von der Habsburg nach Österreich

eher Mißverständnis) einer vergangenen Epoche am Beispiel der Defensiv­bewaffnung des kämpfenden Ritters zu studieren. Es ist offensichtlich, daß der Künstler in Ermangelung realer Objekte Grabmäler aus dem Ende des 14. Jahrhunderts kennt, aber modische Details der Bekleidung in ihrer Funktion nicht mehr versteht. Besonders deutlich ist dies bei den auf der Hüfte aufliegenden Gürteln, die er noch tiefer als textile Bordüre an den Saum der Röckchen rutschen läßt. Generell ist zu beobachten, daß die Periode um 1390 in historisierende Formen um 1480 umgesetzt wird (so wird der Topf heim zum Helm eines Stechzeuges für das Turnier), während Einzelheiten auf Ausformungen um 1420 (bei den unter den Schultern angebrachten kreisrunden Schwebscheiben) oder um 1520 (die scharf akzentuierte Riffelung einzelner Brusthamische) zurückgreifen. Das Resultat ist ein Sammelsurium verschiedener Stilelemente unter auffallend starker Verwendung textiler Teile, die wie im Fall des Röckchens die Metallkonstruk­tion völlig verschwinden lassen. Rätselhaft bleibt der spitz zulaufende starre Stoffstreifen, der - oft an das Symbol des österreichischen Zopfordens erinnernd - von der Schulter herabfällt: Ist hier an offene Überärmel gedacht, von denen in der rein flächenhaften Seitenansicht nur einer sichtbar ist? Ebenso ist unklar, warum das sorgfältig gearbeitete Namensregister, das auf die Blattnummer der Abbildung verweist, Persönlichkeiten nennt, die - wie König Albrecht I. (1298-1308) - nicht mit Sempach in Verbindung gebracht werden können. Da Leopold III. im Mittelpunkt steht, ließe sich vermuten, daß eine Porträtabfolge seiner Vorfahren den Beginn der Hand­schrift bildete, - vermuten deshalb, weil dieser erste Teil fehlt. Nach einem mit Deckfarben recht primitiv gemalten und nicht vom Künstler der Aquarelle stammenden Medaillonporträt des Herzogs und einer ganzfigurigen Darstel­lung der Königin Elisabeth, Witwe Albrechts I., springt die Foliierung auf Nummer 28. Damit ist vor allem das Absicht und Zweck erläuternde Titelblatt verloren. Das Register gestattet allerdings die Rekonstruktion der heute nicht mehr vorhandenen Abbildungen. Die Datierung orientiert sich an der jüngsten Notiz von 1574 über die Nachkommen des gefallenen Elsässers Hermann Waldner (fol. 57v). Lit.: Österreichische Chronik von den 95 Herrschaften, hg. v. Joseph Seemüller (MGH Deutsche Chroniken 6, Hannover-Leipzig 1909) S. 215; Handbuch der Schweizer Geschichte 1 (2. Auflage Zürich 1980) S. 258 ff; Anton Scharfr Die werdende Schweiz aus österreichischer Sicht bis zum ausgehenden 14. Jahrhundert in MIÖG 95 (1987) S. 267-270. - Wir danken Dr. Mathias Pfaffenbichler (Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien) für seine eingehende Beratung. Th 19

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