Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

4. Lorenz Mikoletzky, Die Votivkirche

länder Polizeikommissars eingelangt waren. Die Wahl des endgültigen Projek­tes hatte sich Erzherzog Ferdinand Max „unter dem Beirathe“ des bayerischen Königs Vorbehalten und am 29. Mai 1855 erhielt der Wiener Architekt Heinrich von Ferstel (Kat. Nr. 7/1) den Zuschlag für den Bau, der in seiner Gesamtheit eine Abkehr von der Architektur vor 1848 und eine Liberalisierung der Künste dokumentieren sollte. Die Votivkirche, heute allgemein in die Reihe der Ringstraßenbauten einge­ordnet, muß richtigerweise vor die erst mit dem Schreiben vom 20. Dezember 1857 eingeleitete allgemeine Stadterweiterung gestellt werden. Schon fünf Jahre zuvor hatte Franz Joseph den Auftrag erlassen, ihm „den Entwurf einer einfachen neuen Umfassung für die zu erweiternde Innere Stadt Wien“ zu unterbreiten, wobei in der Stellungnahme des Militärs der spätere Bauplatz der Votivkirche als „in militärischer (und) finanzieller Beziehung threfflieh“ bezeichnet wurde. Bauplätze beim Oberen Belvedere waren ursprünglich ebenso in Erwägung gezogen worden wie zwischen dem Schotten- und dem Fischertor. Mit kaiserlicher Entschließung vom 25. Oktober 1855, nicht zuletzt auf Vorschlag des Architekten, wurde schließlich das Alserglacis für den Kirchenbau bestimmt und nachträglich, als eine der wenigen Ausnahmen in dieser Hinsicht, die „Befreiung des Bauplatzes... vom militärischen Bauver­bot“ sowie die unmittelbare Nachbarschaft zum seit 1854 geplanten Universi­tätsneubau am 25. Februar 1856 verfügt. Zwei Monate später wurde der Bau begonnen: Die Grundsteinlegung (angeblich ein Stück vom Fels Petri in Jeru­salem) erfolgte am 24. April, dem zweiten Hochzeitstag des Kaiserpaares. Man versuchte mit der Wahl dieses Datums für das Fest und auch für die Zukunft nicht den Attentatstag in den „Votiv“-Gedanken einzubinden. Ferstel stellte sich eine Basilika mit vierjochigem Langhaus, Querschiff und einem Chor mit Umgang und Kapellenkranz sowie einer Kuppel über der Vierung vor. Obwohl die Bauhütte bei St. Stephan die Tradition der mittelal­terlichen Hütten pflegte, informierte sich der Architekt bei der Kölner Bauhüt­te. Ferstel konnte damals keineswegs als „routinierter“ Architekt gelten, zumal der Siebenundzwanzigjährige bis zur Betrauung mit dem Kirchenbau haupt­sächlich bei Schloßbauten seine Erfahrungen gesammelt hatte. Die Berufung des langjährigen Stadtbaumeisters von Prag, Josef Kranner, zum Bauleiterbei der Votivkirche, half hier sehr. Zwölf Jahre Bauzeit und hinlängliche finanzielle Deckung waren angenom­men worden: Beides erwies sich als Täuschung. Die Kirche wurde erst nach dreiundzwanzig Jahren fertiggestellt, die Geldmittelbeschaffung wurde im Laufe der Jahre zu einem großen Problem und außerdem nahm Ferstel an seinem ursprünglichen Entwurf immer wieder Änderungen vor, was zu Verzö­gerungen führte. So fiel etwa mit der Zeit die geplante Kuppel weg und wurde das Langhaus verlängert, wobei der Architekt stets künstlerische Gründe für die Modifizierungen angab. Erst um 1859/60 waren die Pläne „fertig“ und ein Modell informierte die Öffentlichkeit, um die nach wie vor nicht beseitigten zahlreichen Vorurteile zu diesem „Denkmalsbau“ zu beseitigen. Anstelle eines 32

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