Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

4. Lorenz Mikoletzky, Die Votivkirche

Netzgewölbes im Mittel- und Querschiff trat ein Kreuzgewölbe, nur die Turm­hallen sind netzgewölbt. Die Turmwendeltreppen wurden innerhalb der Hauptportalpfeiler verlegt, nachdem sie ursprünglich mit den Seitenschiffen durch Doppelarkaden verbunden waren. Das Hauptportal sollte von je vier Gewandstatuen flankiert werden und die Szenen im Tympanon wurden geteilt. Neueingeführt wurde auch eine Dreifaltigkeitsgruppe. Die dreifach geteilten Spitzgiebel im Hauptgiebel sind in Anlehnung an das Vorbild, den Friedrichs­giebel von St. Stephan, gleich hoch ausgeführt. Die in einem rechteckigen Schrein vorgesehene Marienkrönung wird von einem Spitzbogen umrahmt. An die Stelle eines Vierungsturmes trat ein einfacher Dachreiter und das Dach selbst erhielt eine Firstzier. Der einzige Kirchenbau in der späteren Ringstra­ßenzone imitiert total die französische Kathedralgotik des 13. Jahrhunderts. Vorerst gingen die Bauarbeiten zügig voran (Kat. Nr. 4/1—4/3), sodaß berech­tigte Hoffnung bestand, die Termine einhalten zu können. Da zeigten sich aber schon 1861 erste Finanzierungsschwierigkeiten, man mußte um Gelder beim, in der Zwischenzeit errichteten, Stadterweiterungsfonds einkommen, da im kom­menden Jahr der als Gesamtbausumme veranschlagte Betrag von 1,500.000 Gulden aufgebraucht war. Von jetzt ab nahm der Bau nur stockende Fort­schritte. Die Gedächtniskirche sollte die nach 1848 bewußt gelenkte Neubelebung des religiösen Lebens in monumentaler Form zum Ausdruck bringen, keine „loka­le“ Angelegenheit sein und als „Reichsstiftung“ fungieren. Eine geistige Ver­bundenheit mit der mystischen Substanz der österreichischen Staatsidee, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber nicht mehr vorhanden war, sollte hier manifestiert werden. In den Rahmen dieser Überlegungen gehört auch die kaiserliche Entschließung vom 13. Oktober 1862 in der dem Bau über den engeren Bereich „nur“ einer Pfarrkiche die Aufgabe einer Gamisonskirche zugeordnet wird, der später noch die einer Universitätskirche folgen sollte, nachdem 1878 die Erhebung in den Rang einer Probsteikirche erfolgt war. Mit der Aufgabenzuordnung hoffte man wieder auf Spenden aus der Gesamtmo­narchie, da man außerhalb Wiens den Gedanken einer „kaiserlichen Denkmal­kirche“ wieder vertreten konnte. Aber trotz eines Artikels in der „Neuen Freien Presse“, wo es unter anderem hieß: „Ihre Vollendung liegt im Interesse aller, insbesondere jener östlichen Kronländer, die sich bis jetzt sehr wenig am Bau beteiligt haben, so sehr sie ein naheliegendes Interesse hätten, daß der Bau als Reichsstiftung behandelt werde“ blieben die Gelder aus und die ganze Angelegenheit wurde eine Wiens. Die Stadt war es auch, die ab 1866 durch Geldzuwendungen den Ausbau der Türme forcierte, was wiederum Puristen auf den Plan rief, die das „traditionelle System der mittelalterlichen Bauhütten nicht verwässert wissen wollten“, nach dem vor allem die Fertigstellung des Kirchenschiffes, zur Nutzung als Gottesdienstraum, gewährleistet sein sollte. In den folgenden Jahren kamen aus dem Staatsschatz und vom niederösterrei­chischen Religionsfonds insgesamt 690.0000 Gulden, außerdem ging man an den Verkauf der um die Kirche gelegenen Gründe, die nicht in den Verbau­ungsplan der Stadterweiterung miteinbezogen waren. 33

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