Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße

2. Andreas Cornaro, Der Stadtpark

ANDREAS CORNARO 2. DER STADTPARK Im Gegensatz zu der dicht verbauten Stadt innerhalb der Festungswerke gab es in den Vorstädten zwar noch vielfach unverbaute Räume, die aber als private Gärten und sonstige Nutzflächen nicht öffentlich zugänglich waren. Von den Parks im Besitz des Kaiserhauses wurden im 18. Jahrhundert Prater und Augarten dem Publikum geöffnet, die aber vom Stadtzentrum etwas entlegen waren. Deshalb entwickelte sich damals das unverbaute Gebiet des Glacis zum beliebten Erholungsgebiet der Wiener. Das Glacis war kein Garten, sondern seit den unter Joseph II. vorgenommenen Regulierungen eine von Alleen durchzogene Grasfläche, die verschiedenen militärischen und zivilen Zwecken diente, als Paradegrund, Holzlagerstätte, Marktgelände, Kinderspiel­platz und Erholungsgebiet. Die ersten eigentlichen Parkanlagen im Fortifikationsbereich wurden erst 1817-1824 im Zusammenhang mit der von Kaiser Franz im Hofburgbereich vorgenommenen Stadterweiterung als Kaisergarten und Volksgarten beider­seits der von Napoleon gesprengten ehemaligen Burgbastei angelegt. Der mit dem Theseustempel und dem halbrunden Kaffeehaus ausgestattete Volksgar­ten war die erste neue allgemein zugängliche Parkanlage Wiens. Neben dem Volksgarten war im Vormärz der zweite Schwerpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Fortifikationsbereich auf dem sogenannten Wasserglacis, wo vor dem in der Flucht der Weihburggasse gelegenen Karolinentor seit 1818 eine Mineralwassertrinkanstalt bestand. Die 1857 begonnene Stadterweiterung im Gelände der aufgelassenen Befe­stigung bedeutete keineswegs den kompletten Verlust des Freiraumes des Glacis, von dem sowohl aus militärischen als auch aus sanitären und ästheti­schen Gründen möglichst viel bewahrt werden sollte. Im kaiserlichen Hand­schreiben vom 20. Dezember (Kat. Nr. 1/4) wird bestimmt, daß aus militäri­schen Rücksichten das Gelände vor der Hofburg, der Paradeplatz und der Raum vom Karolinentor bis zum Donaukanal unverbaut zu bleiben haben, daß aber auch in den zur Verbauung gewidmeten Teilen des Glacis die Ringstraße „eine angemessene Einfassung von Gebäuden, abwechselnd mit freien, zu Gartenanlagen bestimmten Plätzen erhalte“. Die auf Grund der Konkursaus­schreibung im nächsten Jahr eingereichten Projekte zur Stadterweiterung enthalten daher jeweils Gartenanlagen in wechselndem Ausmaß, am umfang­reichsten natürlich im Entwurf des preußischen Hofgartendirektors Lenné, der als einziger einen geschlossenen grünen Ring um die Altstadt vorsah. In dem 1859 ausgearbeiteten endgültigen Grundplan ist von dem unverbauten Raum zwischen Karolinentor und Donaukanal die nördliche, direkt an der Franz- Josephs-Kaseme liegende Hälfte als unverändertes Glacis belassen, der Teil südlich des Stubentores aber nach dem Vorbild mehrerer Konkurrenzprojekte als Park dargestellt. 21

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