Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße
1. Andreas Cornaro, Die Wiener Stadterweiterung. Ein geschichtlicher Überblick
kanalisieren hatte. Die Gemeinde wollte diese Aufgabe zwar anfangs dem Stadterweiterungsfonds zuschieben, mußte sie aber schließlich doch selbst übernehmen. Doch erlangte sie zu ihren Ausgaben für Straßenanlagen im Stadterweiterungsgebiet jeweils Beiträge vom Fonds (Kat. Nr. 1/14). Die Haupteinnahmequelle des Stadterweiterungsfonds war naturgemäß der Verkauf von Bauparzellen für Privatbauten. Für staatliche und städtische Bauten oder für Privatbauten zu kulturellen Zwecken - Handelsakademie, Künstlerhaus, Lokal des Schriftstellervereins Concordia etc. - wurde der Baugrund ja umsonst oder zu ermäßigtem Preis abgetreten. Um die Baulust anzukurbeln, war 1859 für Neubauten auf dem Glacisgrund gesetzlich eine 30jährige Steuerfreiheit gewährt worden. Auf Protest der Gemeinde, deren Einnahmen u. a. in städtischen Zuschlägen zur staatlichen Hauszinssteuer bestanden, wurde ab 1861 die Befreiung von diesen städtischen Zuschlägen auf 10 Jahre verringert. Als Käufer traten anfangs die zukünftigen Bauherren selbst auf, weshalb die Verkäufe sich meist nur auf eine Parzelle erstreckten. In der sogenannten Gründerzeit kam es aber zur Blüte der Baugesellschaften, die gleichzeitig mehrere Parzellen erwarben, verbauten und erst die fertigen Häuser einzeln zu veräußern suchten. Ihre Tätigkeit artete bald in wilde Bodenspekulation aus, sie kauften oft weitere Grundflächen ohne überhaupt über Kapital für die Bauausführung zu verfügen. Der Börsenkrach von 1873 beendete dieses Treiben, mehrere Baugesellschaften fallierten und der Stadterweiterungsfonds mußte 23 verkaufte, aber noch nicht bezahlte Baustellen wieder zurücknehmen. In den folgenden Jahrzehnten spielten Bodenspekulationen im Ringstraßenbereich keine merkliche Rolle mehr. Der über fünf Jahrzehnte umfassende Ablauf der Verbauung der Ringstraßenzone läßt sich bei einem Überblick in drei Perioden gliedern. In der ersten wurden zunächst die noch freien Parzellen von Neu-Wien, dann Parzellen beim Donaukanal im Salzgriesviertel und entlang der Ringstraße vom Opern- bis zum Parkring verkauft. Am 1. Mai 1865 wurde die provisorisch fertiggestellte und mit Alleebäumen bepflanzte Ringstraße vom Kaiser feierlich eröffnet (Kat. Nr. 1/3). An monumentalen staatlichen Bauten wurden in dieser Epoche außer dem österreichischen Museum am Stubenring und der zweiten Defen- sionskaseme - heute Rossauer-Kaseme - vor allem die damals sehr umstrittene Oper errichtet. Die zweite Periode beginnt 1867 mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeit, in der ein Großteil der Baugründe am Schottenring und die Restparzellen vom Opern- bis Parkring veräußert wurden und 1870 der absolute Höhepunkt an Verkäufen erreicht wurde. Diese Hochkonjunktur brach 1873 abrupt ab, in den nächsten Jahren herrschte absolute Flaute an Verkäufen. Betreffend die öffentlichen Bauten wurde diese Periode durch zwei bedeutende Abänderungen des Grundplanes eingeleitet. 1868 wurde der bisher dem Militär reservierte Paradeplatz zwischen Alserstraße und Volksgarten aufgegeben und vom Stadterweiterungsfonds dem Kriegsminister abgelöst, 1870 seine Verbauung mit den im Dreieck angeordneten Monumentalbauten des Parlaments, des 14