Architektur zwischen Kunst und Bürokratie - 125 Jahre Ringstraße
1. Andreas Cornaro, Die Wiener Stadterweiterung. Ein geschichtlicher Überblick
Neuen Rathauses und der Universität beschlossen und in den folgenden zwei Jahrzehnten ausgeführt. Hiebei konnte eine Reihe neuer Parzellen beiderseits des Rathauses und in dem bisher für die Universität vorgesehenen Raum um die Votivkirche geschaffen werden, die eine weitere Grundverkaufstätigkeit in den 80er Jahren ermöglichte. Weiters wurde für den Raum vor der Hofburg zu Anfang dieser Periode die Anlage des Kaiserforums nach den Plänen von Gottfried Semper und Karl Hasenauer (Kat. Nr. 7/4) beschlossen und dem zu Folge die beiden Hofmuseen und das neue Burgtheater errichtet. Die dritte Periode beginnt etwa 1890. Sie ist durch die im folgenden Jahrzehnt durchgeführte Regulierung des Wienflusses und den Bau der Stadtbahn, die die Ringstraßenzone im Bereich Karlsplatz bis Stadtpark nicht wenig veränderte, und die Auflassung der Franz-Josephs-Kaseme auf dem Stubenring gekennzeichnet. Auf dem Gelände der demolierten Kaserne entstand nach 1900 das Wohnviertel um das Postsparkassengebäude, auf der dort bisher unverbauten Glacisfläche zwischen Ringstraße und Wienfluß wurde als letzter Monumentalbau das Kriegsministerium errichtet. Damit war unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Ausgestaltung der Ringstraßenzone praktisch abgeschlossen. Die noch offene Regulierung der Mölkerbastei und der Ausbau der Neuen Hofburg wurden nach 1918 nicht wieder aufgenommen. Den Abschluß der Ringstraßenepoche bildete wieder ein Angriff der Gemeinde auf den Stadterweiterungsfonds. Waren bisher ihre Besitzansprüche auf Grund kaiserlicher Entscheidungen aus dem 18. und beginnenden 19. Jahrhundert abgewiesen worden, so glaubte die Gemeinde jetzt nach dem Ende der Monarchie darauf keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen. Entsprechend einem Gemeinderatsbeschluß von 1919 wurde vom Staat nicht nur die Auslieferung des vorhandenen Fondsvermögens, sondern auch die Übergabe der auf Fondskosten errichteten Bauten und überdies als Entschädigung für die verkauften Parzellen die Abtretung verschiedener staatlicher Gebäude und Grundstücke verlangt. Der Fonds ließ gegen diese übersteigerten Forderungen unter der Ägide von Prof. Heinrich Kretschmayr, des Direktors des Archives des Innenministeriums, einige historische Gutachten ausarbeiten, in denen zurückgehend bis auf die Erbauung der Stadtmauer der Babenbergerzeit aus dem Lösegeld von König Richard Löwenherz und den Basteiausbau und die Ablöse der Glacisgründe durch den Kaiser im 16. Jahrhundert nachgewiesen wird, daß die Ansprüche der Stadt auf den Besitz des Fortifikationsareals jeder rechtlichen Grundlage entbehrten (Kat. Nr. 1/13). Dem Vorwurf von Verschleuderung des Fondsvermögens wurde durch Aufstellungen der vom Fonds bis zum Weltkrieg erbrachten Leistungen, darunter insbesonders die kostenlosen Abtretungen und finanziellen Beiträge zu Gunsten der Gemeinde Wien, begegnet (Kat. Nr. 1/14). Der Stadterweiterungsfonds, dessen Vermögen freilich durch die Inflation auf einige Althäuser reduziert worden war, bestand daher auch während der Ersten Republik als staatliche Institution weiter und fand erst durch die NS-Herr- schaft sein Ende. 15